Empfehlung von
Ralph Wagner, Frankfurt am Main
Diethelm Brüggemann
Die Scherbenkrone
Der 10 jährige Arne lebt mit seinen Eltern und seinen jüngeren Zwillingsschwestern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Dorf irgendwo im Westfälischen. Es ist das letzte Kriegsjahr, die Versorgungslage spitzt sich zu, auf Hamstern steht die Todesstrafe. Viele glauben nicht mehr an den Endsieg, manche dafür umso fanatischer. Arnes Vater ist Verwalter der örtlichen Apotheke, seine Mutter Hausfrau und für die Erziehung der Kinder zuständig. Als sie erneut schwanger ist und ihr die Hausarbeit immer schwerer fällt, beschließen die Eheleute, sich wieder ein Dienstmädchen zu nehmen. Das ist aus mehreren Gründen problematisch: sie haben hohe Ansprüche und zugleich große Zweifel, wem sie vertrauen können. Außerdem soll der Vater nicht länger die Apotheke als Verwalter führen dürfen, da er sich beharrlich weigert, der NSDAP beizutreten. Womit soll er aber dann das Geld für den Unterhalt der Familie erwirtschaften? Die Eltern verachten den Nationalsozialismus. Sie sind Teil eines Netzwerks von strenggläubigen Christen, die sich, so weit es geht, in stiller Opposition dem Regime verweigern.
Das Leben im Dorf ist von Misstrauen und Angst vor Denunziationen geprägt. Arnes Eltern leben in ständiger Furcht, als Oppositionelle enttarnt zu werden. Arne spürt mehr als er weiß, dass seine Eltern Sorgen plagen. In der Schule werden er und die anderen Kinder von einer fanatischen Lehrerin geprügelt und zu unbedingtem Gehorsam gedrillt. Auch im gefühlsarmen Elternhaus fehlt dem Jungen emotionale Zuwendung. Von seinen Eltern fühlt Arne sich versorgt, aber nicht geliebt. Auf seine drängenden Fragen bekommt er bestenfalls ausweichende Antworten, mit seinen Problemen und Ängsten bleibt er allein. Ihm wird klar, dass die Erwachsenen sich verstellen und weder die Wahrheit sagen noch von seinen Ängsten und Nöten hören wollen. In einem an den Vater gerichteten Brief, den er heimlich liest und dessen Tragweite er nicht verstehen kann, stößt er auf die Formulierung "vor dem Nichts stehen" fest. Sie setzt sich in seinem Kopf fest und macht dem Jungen große Angst, aber er hat niemanden, mit dem er darüber sprechen kann. In dem nur ein paar Jahre älteren Dienstmädchen Walli hofft er, eine Verbündete zu finden, der er seine Sorgen und Zweifel anvertrauen kann. Walli verwirrt den Ahnungslosen jedoch vollends, als sie ihn mit sexuellen Wünschen bedrängt. Arne gibt dem Drängen nach, fühlt sich aber schuldig. Er ist sich sicher, dass es Sünde ist, was er da tut. Wer seinen Gott so hintergeht, kann keine Hilfe von ihm erwarten, egal wie viel er betet, daran besteht für Arne keine Zweifel.
Als Arne auch noch einem seiner Spielkameraden gesteht, dass seine Familie Milch hamstert, spitzt sich seine Situation ins Ausweglose zu. Die älteren Jungen erpressen ihn schamlos. Zuerst verlangen sie Spielzeug von ihm, später Dinge aus den Beständen der Apotheke. Arne ist verzweifelt: gibt er der fortdauernden Erpressung nicht nach, setzt er das Leben seiner Familie aufs Spiel. Doch was wird geschehen, wenn er nicht mehr alles liefern kann, was von ihm verlangt wird?
Diethelm Brüggemann beschreibt in seinem autobiographischen Roman die Seelenqualen eines 10jährigen Kindes so anschaulich, dass man sie beim Lesen selbst zu spüren glaubt. Die kindliche Vorstellungswelt und ihre Grenzen werden durch eine vielschichtige Erzählperspektive detailliert und überzeugend ausgelotet. Die Befreiung des Kindes aus der Erpressungsituation vollzieht sich mit der Ankunft der amerikanischen Soldaten im Dorf. Sie steht für mich auch synonym für die Befreiung der Deutschen von der Naziherrschaft.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Alpheus Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2015
- ISBN/EAN
- 9783945385067
- Format
- Buch
- Seiten
- 328
- Preis
- 19,90 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Diethelm Brüggemann (1934 - 2015) studierte Germanistik, Anglistik, Philosophie und politische Wissenschaften in Freiburg, Münster, Glasgow und Marburg und war wissenschaftlicher Assistent in Bonn und Aachen. Nach der Promotion 1967 bei Ludwig Erich Schmitt in Marburg wurde er 1967 Professor für Germanistik an der National University of Ireland in Dublin und war von 1984 bis 1988 Professor für Germanistik an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Brüggemann hat sich in seinen Publikationen zunehmend mit Fragen der hermetischen Tradition bei Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich von Kleist befasst.