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Cover: Der Umweg

Empfehlung von
Günter Franzen, Frankfurt am Main

Gerbrand Bakker

Der Umweg

Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

In seinem neuen Roman bringt Gerbrand Bakker, der niederländische Meister des leisen Tons, dem Leser eine Frau nahe, die sich gegen jedwede Form der Nähe zu sträuben scheint. Die Frau in mittleren Jahren gibt ihre Tätigkeit als Literaturwissenschaftlerin in Amsterdam auf und zieht sich in ein altes walisisches Farmhaus zurück. Die Motive ihrer Flucht sind vage und gehen nicht über Andeutungen hinaus. Nur so viel scheint sicher: hinter ihr liegt neben einer unglücklichen Ehe und einer Affäre mit einem narzisstisch gestörten Studenten ein unklarer medizinischer Befund, der sich wie ein Schatten über die Gegenwart legt und in seiner Bedrohlichkeit bis zum Schluss unausgesprochen bleibt. In dieser ausweglosen Situation unterwirft sie sich einer Art Arbeitstherapie : sie entrümpelt das Haus, mistet den Schweinestall aus, setzt das Schafgatter instand und errichtet zum Schutz des Federviehs ein Stacheldrahtgehege, weil sie nach einem Monat entdeckt, dass von den zehn dicken weißen Gänsen auf dem Stück Land neben der Zufahrt nur noch sieben übrig sind. „Die anderen drei verschwanden bis auf wenige Reste: verstreute Federn und ein einziges orangefarbenes Bein. Die verbliebenen Tiere grasten ungerührt weiter. Als Räuber konnte sie sich nur einen Fuchs denken, es hätte sie aber auch nicht gewundert, wenn in dieser Einöde Wölfe oder Grizzlybären gehaust hätten. Sie fühlte sich schuldig, weil die Gänse gefressen wurden, glaubte für ihr Überleben verantwortlich zu sein.“ Die Hege und Pflege der Tiere steht in krassem Kontrast zu ihren Erfahrungen im Umgang mit der walisischen Nachbarschaft. Die Menschen, denen sie in ihrem selbstgewählten Exil begegnet, zeichnen sich in ihrer Wahrnehmung durch aufdringliche Plumpheit und bösartige Neugier aus, Eigenschaften, die sie darin bestärken, sich noch tiefer in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen. Im Dezember, zwei Monate nach ihrem Einzug, taucht Bradwen bei ihr auf. Der junge Mann, der vorgibt, als Kartograph die Markierungen der regionalen Wanderwege zu überprüfen, hat es nicht eilig. Er kommt und bleibt, und zwischen dem ungleichen Paar bahnt sich nach und nach ein zerbrechliches Verhältnis der wechselseitigen Bemutterung an, das mit einem radikalen Rückzug endet, nachdem sich die Frau darauf eingelassen hat, mit Bradwen zu schlafen. Dieser Akt der Hingabe erscheint aus ihrer Perspektive derart unverzeihlich, dass sie sich mit einer Überdosis Morphium umbringt und den Jungen zuvor im Keller des Hauses einschließt, um ihre Rettung zu verhindern.

Ein bewegendes Stillleben, die Geschichte einer generalisierten Idiosynkrasie, in der das Schicksal der lebensmüden Literaturwissenschaftlerin mit dem ihres Forschungsgegenstandes zusammenfällt: Die menschenscheue amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson , die in ihren 1890 erschienenen Gedichten der literarischen Moderne des 20.Jahrhunderts vorgreift, stirbt mit 46 Jahren an Bright´s Desease; eine unklare Krankheit, die sich umgangssprachlich präziser fassen lässt: Lebensangst. So gelingt Gerbrand Bakker in einer genialen Verknüpfung beides: das Portrait einer verlorenen Frau und die Verbeugung vor einer großen Schriftstellerin. Ihre letzten Worte wären ein passendes Motto für seinen Roman: „I must go in, for the fog is rising.“

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Suhrkamp Verlag
Erscheinungsdatum
2012
ISBN/EAN
978-3-518-42288-5
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
228
Preis
19,95 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, arbeitete als Übersetzer von Untertiteln und ist Diplomgärtner. Er ist Autor eines etymologischen Wörterbuchs der niederländischen Sprache und des Jugendromans Birnbäume blühen weiß (Patmos 2004).

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