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Cover: Granatsplitter

Empfehlung von
Günter Franzen, Frankfurt am Main

Karl Heinz Bohrer

Granatsplitter

Eine Erzählung

Von Karl Heinz Bohrer, dem exzentrischen Konservativen und vehementen Kritiker des politischen und ästhetischen Mittelmaßes, kann ich als durchschnittlicher Leser rückblickend sagen, dass mich seine Veröffentlichungen ab einem bestimmten Punkt regelmäßig befremdeten und abstießen. Es kann aber auch sein, dass sie mich intellektuell überforderten: Alles zu hoch, zu erlesen, zu verächtlich. Diese einschüchternde Wirkung ist in der unter dem Titel „Granatsplitter“ erschienenen Erzählung der Jugend des nunmehr achtzigjährigen Literaturwissenschaftlers und Publizisten ebenso verflogen, wie der herrische Gestus seiner Sprache. Eine wohltuende semantische Abrüstung, die ihn im Geist Montaignes schreiben lässt: „Ich registriere und studiere nur, was in mir vorgeht.“

Der Junge, vom Verfasser „Er“ genannt, wird aus der Perspektive seiner jeweiligen Wahrnehmungen begleitet; seine Gefühle, Ahnungen, Vermutungen und Tagträume setzen mit dem ersten Bombenangriff auf Köln ein. Am Tag danach sammelt der Zwölfjährige die auf der Straße verstreuten Bruchstücke der vom Himmel gefallen Flakgeschosse ein, Granatsplitter, die ihm in ihrer schillernden Farbigkeit wie funkelnde Kleinodien aus Tausendundeiner Nacht vorkommen und „als das Schönste erschienen, was man sich ausdenken konnte.“ Aber das Rissige ihrer scharfen Ränder, sei auch das Gegenteil der Schmuckstücke gewesen, wie seine Mutter sie trug. So ein Stück geborstenes Metall in die Hand zu nehmen war genauso, wie wenn man das Wort „Krieg“ hörte: „Es war das erste Bild des Krieges für ihn.“ Das zweite Bild ist das der „zu Holzscheitkürze verbrannten Menschen, der vom Explosionsdruck in die Bäume geschleuderten Körperteile, der Bombenkrater, der zerfetzten Telefonleitungen: „Es war nicht wie bei den funkelnden Granatsplittern, es war das Gegenteil davon, aber es hatte ebenso den Charakter von etwas ungeheurem Neuen, das mit einem Schlag alles verwandelte. Von der Gefahr und dem möglichen Ende des Lebens ging etwas ihn tief Aufwühlendes aus.“ Er bekennt, dass ihm das Liedgut der HJ durch Mark und Bein geht –„Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren. Vorwärts, vorwärts, vorwärts, Jugend kennt keine Gefahren“- bis er von einem ranghöheren Jugendlichen wegen seiner unkorrekten Uniform vor versammelter Mannschaft mit „scharfgeschnittenen, abgehackten Worten“ zusammengestaucht wird: „Er hatte diesen Tonfall bisher noch nie gehört. Er wusste nicht wie er ihn beschreiben sollte. Er hatte etwas namenlos Unschönes und Gewaltsames.“ Dieses Ereignis weckt seine Skepsis gegenüber dem eigenen jugendlichen Enthusiasmus: „Es war wohl so, dass der Junge anfällig für schöne Wörter war und dabei nicht merkte, dass man sie zu diesem Zeitpunkt auch anders verstehen konnte, als er sie verstand.“ Die Allgegenwart der „schneidenden Härte“ in der Sprache des Dritten Reichs und „der metallischen Atmosphäre“ in der NS-Gesellschaft, nährt die Ahnung des Kindes, „dass es viele Tote geben würde und geben sollte.“

Der Leser begleitet diesen vom Autor im Postskriptum als „Phantasie einer Jugend“ bezeichneten Text bis zum zweiten Dezemberwochenende des Jahres 1953. Er kommt als Student vom Apfelernteeinsatz in England zurück, steht an der Reling der Fähre , blickt auf die Küstenlinie zurück, bis sie verschwunden ist und fragt sich, was da eigentlich verschwunden ist. Es sei ja nicht die Küste, die würde daliegen wie immer, auch wenn er sie nicht mehr sah. „Was endgültig verschwand waren seine englischen Tage. Daran änderte die Erinnerung nichts. Nein, die Erinnerung änderte das Verschwinden nicht. Dass etwas endgültig für immer verschwindet, nicht als Ort, aber als Zeit, das empfand er in diesem Augenblick zum ersten Mal.“

Was diesem Buch gänzlich abgeht, ist die federnde Eleganz anderer Memoirenprojekte; es gibt weder eine konsequente Chronologie noch ein Bukett von Erkenntnissen, das in der Regel das Alterswerk bedeutender Persönlichkeiten schmückt, die sich unentwegt vom Mantel der Geschichte gestreift fühlen. 1974 wurde Karl Heinz Bohrer als verantwortlicher Redakteur des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgelöst, weil er sein Ressort mit dem Rücken zum Publikum redigiert habe. Dass er sich mit seiner Autobiografie diesem Vorwurf erneut aussetzt, scheint ihm egal zu sein und macht den besonderen Reiz dieses Buches aus. Da steht ein deutscher Gelehrter in der Literaturlandschaft herum, ein bisschen hölzern, ein bisschen umständlich, und reiht, ausgestattet mit dem Gespür für die Abgründe des Realen, auf verhaltene, aber bestimmte Weise eine verdichtete historische Assoziation an die andere und man möchte ihm bis in eine Gegenwart folgen, die an Abgründigkeit nichts eingebüßt hat. Es ist zu hoffen, dass diese Erzählung nicht seine letzte war.

Verlag
Hanser Verlag
Erscheinungsdatum
2012
ISBN/EAN
978-3-446-23972-2
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
320
Preis
19,90 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Karl Heinz Bohrer, 1932 in Köln geboren, ist Professor emeritus für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Bielefeld und seit 2003 Visiting Professor an der Stanford University. Von 1984 bis 2012 war er Herausgeber des MERKUR. Er lebt in London.

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