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Cover: Alias Toller

Empfehlung von
Ralph Wagner, Frankfurt am Main

Ulrich Effenhauser

Alias Toller

Roman

Manchmal bieten wenig bekannte historische Fakten hervorragendes Material für nicht nur spannende, sondern auch ausgesprochen erhellende Literatur – wenn das nötige erzählerische Talent vorhanden ist; und bei Ulrich Effenhauser ist das der Fall! Ohne überflüssige Nebenschauplätze und versandende Handlungsstränge, vielmehr atmosphärisch dicht, mit stimmigen Details und charmantem Zeitkolorit an den passenden Stellen erzählt Effenberger auf verschiedenen Ebenen vielschichtig miteinander verzahnte Ereignisse.

"Alias Toller" basiere teilweise auf einem authentischen Fall, schreibt Effenhauser in seiner Nachbemerkung zu dem Roman: "1983 verstarb in der ostbayerischen Kleinstadt Kötzting, der angesehene Bürger Werner Tutter (er hatte sich keinen Alias-Namen zulegen müssen) im Alter von 74 Jahren. … Hinter der Fassade des hilfsbereiten VHS-Leiters, überzeugten Christen und CSU-Stadtrats hatte sich ein Kriegsverbrecher und Spion versteckt." Seine Identität wurde erst 2001 aufgedeckt.

Effenhauser beginnt seine Erzählung jedoch weitaus früher, in den späten 1930er Jahren im von der deutschen Wehrmacht besetzten Protektorat Böhmen und Mähren. Von dort aus spannt er den Bogen bis zum Jahr 2008 in Deutschland.

Alwin Heller ist leitender Kriminaldirektor im BKA, "Dezernat Fallforschung", und damit zuständig für ungeklärte Fälle. Im März 2008 erhält er die dienstliche Anweisung, sich nach Prag zu begeben, um im Prozess gegen zwei ehemals hochrangige kommunistische Funktionäre als Zeuge auszusagen. Dem Schreiben liegt eine Akte bei. Es handelt sich um Hellers ersten eigenen Fall aus dem Jahr 1978, der nicht aufgeklärt werden konnte. Heller erinnert sich gut: Der strenge, bei der Schülerschaft unbeliebte Musiklehrer Dr. Friedrich Gutleb wurde in seinem Auto vor dem Gymnasium in die Luft gesprengt. Schnell fiel der Verdacht auf einen Schüler; ebenso schnell wurde aber auch klar, dass der nicht der Täter sein konnte. Kurz darauf tauchte ein Bekennerschreiben der RAF auf: Ein "Kommando Luxemburg" habe durchgeführt, "was der kapitalistische Unrechtstaat verweigert", nämlich "einen alten Naziverbrecher und Menschenschlächter, dem der Staat friedlich Unterschlupf gewährt, seiner wohlverdienten Strafe" zuzuführen. Das schien nicht unwahrscheinlich, denn der verwendete Zünder der Bombe war baugleich mit denen, die die RAF schon zuvor verwendet hatte. Er stammte aus einem Werk in der DDR. Die Verbindungen der RAF dorthin waren den Diensten wohl bekannt. Und gerade erst ein Jahr vorher hatte ein RAF-Kommando auch Hanns Martin Schleyer, Arbeitgeberpräsident und Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG, entführt und ermordet. Schleyer war SS-Unteroffizier gewesen und in den Jahren 1942-1945 in Prag einer der Verantwortlichen für "die Arisierung der tschechischen Wirtschaft und die Rekrutierung von Zwangsarbeitern für das Deutsche Reich". Sollte es da vielleicht einen Zusammenhang geben?

Hellers verschrobener, unkonventionell arbeitender und für seine hohe Aufklärungsquote bewunderter Vorgesetzter Theodor Kollnik, Erster Hauptkommissar in Regensburg, verfolgt aber wohl eine andere Spur. Er reist kurzerhand nach Prag und wird dort erschossen. Das nächste für Heller verstörende Ereignis ist das spurlose Verschwinden des VHS-Leiters aus der Kleinstadt Kötzting, Siegfried Toller. Heller vermutet eine Verbindung zwischen den drei Fällen und beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren. Aber die tschechischen Behörden mauern, geben ihm keinerlei Auskunft zu Kollniks Tod, und auch die deutsche Polizei zeigt auffallend wenig Interesse an einer Aufklärung der Verbrechen; im Gegenteil, die Nachforschungen werden behindert, wo es nur geht. Schlussendlich werden weitere Nachforschungen untersagt und Heller wird ins BKA nach Wiesbaden weggelobt.

Erst 2008, neun Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und nach Öffnung (zumindest einiger) Archive beim östlichen Nachbarn, werden Heller die Zusammenhänge der lange zurückliegenden Ereignisse langsam klar.
"Alias Toller" ist nicht nur eine spannende Erzählung, sondern ein lehrreiches Kapitel deutscher Geschichte, fesselnd und überzeugend zusammengefügt. Meine Empfehlung: Unbedingt lesen!

Verlag
Transit Verlag
Erscheinungsdatum
2015
ISBN/EAN
978-3-88747-324-2
Format
Buch
Seiten
176
Preis
19,80 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Ulrich Effenhauser, 1975 geboren, lebt als Historiker und Autor bei Cham in der Oberpfalz, nahe der tschechischen Grenze. Für seine Kurzgeschichten und Romane ist er bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.

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