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Autor
Twardoch, Szczepan

Der Boxer

Untertitel
Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Beschreibung

Die Zeitläufte des Jakub Shapiro, Boxer, Mörder und rechte Hand eines Unterweltpaten in Personalunion. Eine spannende und ergreifende Geschichte vor dem Hintergrund der Umbrüche jenes Warschauer Sommers von 1939, der das Leben so vieler Menschen nachhaltig verändern sollte. Ein Buch wie ein Faustschlag.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Rowohlt Berlin, 2018
Format
Gebunden
Seiten
464 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7371-0008-3
Preis
22,95 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur. Mit «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch, das Buch wurde mit dem Polityka-Passport-Preis ausgezeichnet, Kritik und Leser waren begeistert. Für den ebenfalls hochgelobten Roman «Drach» wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt. Bei polnischen Lesern wie Kritikern übertraf «Der Boxer» diese Erfolge sogar noch. Szczepan Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.

Zum Buch:

Ein alter Mann sitzt in einem Vorort von Tel Aviv an der Schreibmaschine und bringt zu Papier, was er für seine Erinnerungen hält. Eine dieser Erinnerungen spielt an jenem Sommertag im Juli 1939 in Warschau, als er dem ersten Boxkampf seines Lebens beiwohnte.

Der Kämpfer, der in der letzten Runde seinen Gegner – ausgerechnet einen Christen – auf die Bretter geschickt hatte, trat für Makkabi Warzawa an. Sein Name war Jakub Shapiro, ein muskelbepackter Hüne mit schwarzem, von Brillantine glänzendem Haar. Shapiro war Jude und, wie jeder im Saal wusste, arbeitete er, wenn er nicht gerade als Schwergewichtsboxer im Ring stand, für Kaplica, den Paten der Warschauer Unterwelt.

Jakub Shapiro, tippt der Mann in die Schreibmaschine, war derjenige, der meinen Vater vor meinen und den Augen meiner Mutter an seinem Bart aus der Wohnung gezerrt, ihn dann ermordet und anschließend in Teile zerhackt hat. Jakub Shapiro, der Mann, der mir zu meinem ersten Boxkampf verholfen und der mich anschließend wie einen Sohn in seine Familie aufgenommen und mich sogar dem Paten vorgestellt hatte. Dies ist meine Geschichte, tippt er. Dann hält er inne und blickt müde aus dem Fenster. Er beugt sich wieder über die Tasten und tippt: Dies ist auch die Geschichte Jakub Shapiros, des Mörders meines Vaters.

Mit seinem jüngsten Roman hat sich der polnische Autor Szczepan Twardoch noch einmal selbst übertroffen. Nach den, wenn auch in eher kleineren Kreisen, äußerst erfolgreichen Romanen Morphin und zuletzt Drach ist dies, wie ich finde, sein bester. Der Boxer spielt im jüdischen Teil Warschaus, kurz vor Ausbruch des Zweiter Weltkriegs. Noch ist es eine Zeit des Glamours, in der extravagante und nicht unbedingt sympathische Nachtgestalten in den Bars und Edelbordellen der Hauptstadt ein- und ausgehen und sich die Unterwelt ganz offen in ihrem Prunk darstellt. Es ist aber auch eine Zeit des leisen Umbruchs. Der Hass gegenüber der jüdischen Bevölkerung nimmt erkennbar zu. Rechte Parolen werden an Mauern geschmiert, und rechtes Gedankengut findet bald schon Zutritt zu den Reihen der höheren Klassen. Kaplica, der Pate, wird verhaftet. Jakub Shapiro will an seine Stelle treten und der neue Unterwelt-König von Warschau werden. Für dieses Ziel geht er hart gegen seine Widersacher vor, und womöglich ist der Preis, den er zu zahlen bereit war, doch zu hoch.

Wie auch bei Szczepan Twardochs bisherigen Arbeiten ist Der Boxer eine Art Historienroman, in dem das Schicksal einer Einzelperson eng mit den wahren Begebenheiten der damaligen Zeit verwachsen ist. Und wie bei seinen Vorgängerromanen geht der Autor auch diesmal mit seinen Protagonisten hart ins Gericht und mutet ihnen Unzumutbares zu. Das gelingt ihm mit einer unverwechselbaren Eleganz, gerade so, als beschriebe er einen Film. Das macht das Lesen sehr angenehm; der Leser findet sich sofort überall zurecht und muss nicht noch irgendwo nachschlagen. Was dem Ganzen dann die Krone aufsetzt, ist die Auflösung der Geschichte, die man nicht einmal ansatzweise erahnt und die das bisher Gelesene in ein völlig anderes Licht rückt.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln