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Autor
Wade, Simeon

Foucault in Kalifornien

Untertitel
Wie der große Philosoph im Death Valley LSD nahm - eine wahre Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Tino Hanekamp
Beschreibung

Warum ist Foucault nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf kultureller Ebene so einflussreich und geradezu stilbildend? Welche Art von nicht nur politischer, sondern seelischer Emanzipation lässt sich mit ihm denken, und liegt in seinen Schriften nicht auch ein esoterisches Versprechen verborgen? Lange hat der Rollkragen-Existenzialismus von „Saint Foucault“ dafür gesorgt, dass sein Werk nur wenig mit der exaltierten, alternative Erfahrungen bejahenden Phase der 1970er und dem Entstehen einer Kultur der Bewusstseinsveränderung in Verbindung gebracht wurde. Simeon Wade schafft nun genau das.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Kiepenheuer & Witsch, 2022
Format
Gebunden
Seiten
176 Seiten
ISBN/EAN
978-3-462-05443-9
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Simeon Wade, wurde 1940 in Alabama, USA, geboren. Nach seinem Ph.D. in Harvard zog er 1969 nach Kalifornien und wurde Assistenzprofessor an der Claremont Graduate School. 1975 folgte Foucault der Einladung des jungen Dozenten an seine Hochschule und ließ sich von Wade zu einem Death-Valley-Tripp überreden, den Foucault selbst als“eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens” beschrieb. Aus der Begegnung entstand eine langjährige Freundschaft, die sich in einem Briefwechsel niedergeschlagen hat. Wade unterrichtete an verschiedenen Universitäten im südlichen Kalifornien, arbeite aber auch als Pfleger in der Psychiatrie. Er starb am 3. Oktober 2017 in Oxnard.

Zum Buch:

Nachdem die Veröffentlichung über ein Jahr nach hinten verschoben wurde, liegt nun endlich Simeon Wades atemloser Bericht über Michel Foucault vor, sicher für mehrere Generationen eines der wichtigsten und prägendsten Intellektuellen.

Doch warum ist Foucault nicht nur auf wissenschaftlicher, sondern auch auf kultureller Ebene so einflussreich und geradezu stilbildend? Welche Art von nicht nur politischer, sondern seelischer Emanzipation lässt sich mit ihm denken, und liegt in seinen Schriften nicht auch ein esoterisches Versprechen verborgen? Lange hat der Rollkragen-Existenzialismus von „Saint Foucault“ dafür gesorgt, dass sein Werk nur wenig mit der exaltierten, alternative Erfahrungen bejahenden Phase der 1970er und dem Entstehen einer Kultur der Bewusstseinsveränderung in Verbindung gebracht wurde. Simeon Wade schafft nun genau das.

In einem schrägen, unbefangenen Stil, der keine Zeile verschwendet und zwischen Berkeley, Claremont und dem Death Valley die Aura des Gonzo-Journalismus wiederaufleben lässt, beschreibt Wade seine transatlantisch-alchimistische Vision: dem philosophischen Großereignis aus Paris die Errungenschaften der amerikanischen „molekularen Revolution“ zu injizieren – und vice versa.

Wade ist für die Philosophie ein wenig das, was Henry Darger für art brut war: ein weitgehend unbekannter Outsider mit großer Inspiration und leuchtenden Bildern. In den Dialogen, bei denen man sich so nah dran fühlt, als würde man selbst mit Foucault auf dem Sofa sitzen, scheinen Bekenntnisse seiner philosophischen Überzeugungen durch: über das Ende der Geschichte, über Algerien, Vietnam und Israel, über Sartre, Althusser und das Primat des Ereignisses vor der Struktur.

Ebenfalls sehr aufschlussreich ist das einfühlsame Vorwort der Schriftstellerin Heather Dundas, der das Verdienst zukommt, Wades seit Jahrzehnten fertiges, aber unveröffentlichtes Manuskript ausgegraben und der Welt zugänglich gemacht zu haben.

Eine Empfehlung für Leser von T.C. Boyles Das Licht _sowie Interessierte an der bisher nur auf englisch erschienener Studie _The Last Man Takes LSD: Foucault and the End of Revolution von Mitchell Dean und Daniel Zamoras. Und für alle, die an und mit dem ebenfalls erst seit kurzem vorliegenden vierten Band von Foucaults Sexualität und Wahrheit arbeiten, den Foucault erst nach seiner Begegnung mit Wade verfasste – und von dem er schrieb, er müsse das Projekt nach diesem Trip „von vorne beginnen“.

Florian Geissler, Karl Marx Buchhandlung, Frankfurt