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Autor
Waal, Elisabeth de

Donnerstags bei Kanakis

Untertitel
Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Beschreibung

Anfang der 1950er Jahre treffen drei grundverschiedene Menschen, aus Amerika kommend, in Wien ein. Der jüdische Wissenschaftler Kuno Adler kehrt aus dem Exil, in der Hoffnung, wieder an seiner alten Universität arbeiten zu können, zurück. Theophil Kanakis stammt aus der kleinen, äußerst wohlhabenden griechischen Gemeinde Wiens. Nach dem Tod seines Vaters ist er nach Amerika ausgewandert, wo er aus einem mittleren ein großes Vermögen gemacht hat. In seiner Erinnerung ist Wien die Stadt, in der man sich am besten amüsieren kann und genau das hat er nun vor. Marie-Theres, 19 Jahre jung, wunderschön und naiv, wird von ihren Eltern für ein paar Monate zur adligen Familie der Mutter nach Österreich geschickt.

„Donnerstags bei Kanakis“ ist Gesellschaftsroman, ein sehr genaues Zeit- und Millieuportrait mit einfühlsamenen Personenschilderungen, geschrieben in einer präzisen, klaren und eleganten Sprache, wunderbar zu lesen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Zsolnay Verlag, 2014
Format
Gebunden
Seiten
336 Seiten
ISBN/EAN
978-3-552-05672-5
Preis
19,90 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Elisabeth de Waal, geboren 1899 in Wien, gestorben 1991, ist die älteste Tochter von Viktor von Ephrussi und der Baroness Emmy Schey von Koromla. Sie wurde zu Hause und im Schottengymnasium erzogen und studierte Philosophie, Jus und Ökonomie und lebte in Paris, der Schweiz und schließlich in England. Sie verfasste zahlreiche Romane, schrieb Gedichte und korrespondierte mit Rilke über Poesie.

Zum Buch:

Wer Edmund de Waals Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, die Familiengeschichte der jüdischen Bankiersfamilie Ephrussi, gelesen hat, dem ist Elisabeth de Waal keine Unbekannte. Die 1899 in Wien geborene Autorin, die rechtzeitig nach London emigrierte, hatte nach dem zweiten Weltkrieg vergeblich versucht, wenigstens für einen Teil des Vermögens und der Kunstwerke, die der Familie geraubt worden waren, eine Entschädigung zu erhalten. Die studierte Ökonomin, die in ihrer Jugend mit Rilke korrespondiert hatte, war Autorin mehrerer Romane. Schriftstellerischen Erfolg hatte sie nicht, was nach der Lektüre dieses, bisher unveröffentlichten, Buches unverständlich ist. Es ist die Geschichte dreier Menschen, die Anfang der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach Wien kommen und deren Wege sich dort kreuzen und es ist das Bild einer Gesellschaft, in der nach dem verlorenen Krieg, nichts mehr so war wie zuvor.

Es beginnt mit Kuno Adler, einem jüdischer Emigranten, den es an der Seite seiner in Amerika als Korsettmacherin erfolgreich gewordenen Ehefrau nicht mehr hält. Seit in Österreich ein Gesetz erlassen wurde, das Exilanten eine Rückkehr auf ihre alten Posten erlaubt, will er nur noch zurück an die Wiener Universität. Er gibt seine Stelle als Pathologe an einem New Yorker Krankenhaus auf und fährt in zurück in die „Heimat“.

Theophil Kanakis’ Vater gehörte zur wohlhabenden griechischen Gemeinde Wiens. Nach dessen Tod ist Theophil nach Amerika ausgewandert, wo er aus dem kleinen Vermögen ein riesiges gemacht hat. Jetzt will er zurück in die Stadt seiner Jugend, denn in seiner Erinnerung kann man sich „nirgendwo auf der Welt (…) so gut amüsieren wie in Wien.“

Die 19-Jährige Marie-Theres, Tochter einer österreichischen Prinzessin und eines bürgerlichen Dänen, die in Amerika ein erfolgreiches, zufriedenes Leben führen, wird von der Mutter zu Verwandten nach Österreich geschickt. Sie hofft, das bildschöne, verträumte Mädchen, dem die amerikanische Lebensweise „nicht zu liegen scheint“, würde in der traditionellen ländlichen Umgebung, auf dem Schloß ihrer Schwester, zu neuer Lebensfreude finden.

Adler erlebt in Wien ein typisches Exilantenschicksal. Ehemalige Freunde reagieren äußerst zurückhaltend auf seine Versuche, wieder an die alten Beziehungen anzuknüpfen, von Seiten der Verwaltung ist man offensichtlich unangenehm berührt über seine Rückkehr, läßt sich aber schließlich großmütig herab, ihm seine „alte“ Stelle wieder zuzuweisen. So ist er, nach 15-jähriger erfolgreicher Berufstätigkeit in Amerika wieder Assistent an seinem Institut.

Kanakis findet ein kleines, feines Domizil und versammelt eine illustre Gesellschaft von verarmten Adligen, Schauspielerinnen und Künstlern um sich, die sich jeweils am Donnerstag bei ihm zum Jour Fixe treffen. Der Mittelpunkt dieses Kreises und „Maître de Plaisir“ ist der junge Fürst „Bimbo“ Grein, dessen Charme Kanakis verfällt.

Zur eigentlichen Hauptperson wird Marie Theres. Nach ruhigen Monaten auf dem Landsitz ihrer Tante, während derer sie verträumt und zufrieden lebt, geht sie mit ihrer Cousine nach Wien. Dort wird sie bei Kanakis eingeführt und zählt fortan zu den Gästen seines Jour Fixe Sie verliebt sich in den jungen Fürsten, der nichts dagegen hätte, eine – allerdings reiche – Amerikanerin zu heiraten. Leider entspricht sie diesem Kriterium nicht. Die Begegnung mit ihm und die Eifersucht eines jungen, aufstrebenden Bewunderers bringen das naive Mädchen in eine ausweglose Situation, an der es zugrunde geht.

Dieses Buch ist vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist Gesellschaftsroman, genaues Zeit- und Millieuportrait mit einfühlsamen Personenschilderungen, geschrieben in einer präzisen, klaren und eleganten Sprache. Jede der drei Hauptfiguren repräsentiert einen anderen gesellschaftlichen Typus. So steht Adler für die bitteren Erfahrungen – und vielleicht auch die der Autorin – bei dem Versuch, rehabilitiert zu werden. Kanakis macht sich keine Illusionen, daß nur sein Reichtum ihm seinen gesellschaftlichen Erfolg verschafft. Er ist durchaus kultiviert, für ihn steht jedoch das eigene Vergnügen im Zentrum allen Tuns. In der Figur von Marie-Theres bündelt sich das alte, aristokratische Österreich, der Teil, den ihre Mutter in Amerika ohne Bedauern abgelegt hat, eine Welt, die keinen Ort mehr in dieser Nachkriegsgesellschaft findet.

Dass dieser Autorin nicht mehr Erfolg beschieden war, bleibt absolut unverständlich. Sie selbst hat es sich so erklärt: „Ich handle mit Essenzen, deren Geschmack zu subtil ist, um auf der Zunge wahrgenommen zu werden. … Ich destilliere zu sehr.“ Von heute aus betrachtet, ist genau dies ihre Stärke, denn es führt zu einer großen Klarheit und Durchdringung der Personen und Verhältnisse, die sie beschreibt. Und so ist „Donnerstags bei Kanakis“ von der ersten bis zur letzten Seite ein kluges und wunderbar zu lesendes Buch.

Ruth Roebke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt