Zum Buch:
Dieser Roman hat viele Stimmen. Jede trägt aus einem anderen Blickwinkel einen Teil zu einem Bild bei, das sich dennoch nicht zu einem einheitlichen Ganzen formen will. Im Zentrum: eine deutsche Familie. Der Vater, Hans Ertl, war erfolgreicher Bergsteiger und begnadeter Kameramann, der sein Talent in den Dienst des NS-Regimes stellte – für Leni Riefenstahls Olympiafilm und als Dokumentarist bei Rommels Feldzügen. Nach dem Ende des „Dritten Reiches“ wanderte er, wie so viele von der Vergangenheit Belastete, mit seiner Familie von München nach Bolivien aus. Seine Frau und die drei Töchter zogen eher widerwillig mit, und es fiel ihnen schwer, in La Paz Fuß zu fassen. Ertl blieb ein Abenteurer. Besessen suchte nach der sagenhaften Inkastadt Paititi. Seine Lieblingstochter Monika, die älteste von drei Schwestern, wagemutig und besessen wie er, aber auch labil und unausgeglichen, begleitete ihn auf seiner Suche. Doch die Strapazen und Herausforderungen dieser Expedition schienen zu viel für die junge Frau. Nach ihrer Rückkehr aus dem Dschungel war sie wie verwandelt. Sie heiratete einen jungen Mann aus der bolivianischen Oberschicht und engagierte sich sozial. Irgendwann schloss sie sich der bolivianischen „Befreiungsbewegung“ an und ging in den Dschungel.
Rodrigo Hasbrún hat mit Die Affekte auf wenigen Seiten einen vielschichtigen und komplexen, elegant komponierten Roman über eine Familie geschrieben. Auch wenn es sich um historische Personen handelt, serviert er keine fertige Geschichte und fällt schon gar kein abgeschlossenes Urteil über seine Protagonisten. Er macht keine Versuche, Lücken zu füllen oder schlüssige Motive für deren Handeln zu liefern, und er erzählt keine vollständigen, psychologisch motivierten Lebensläufe. Dem Leser bleibt es überlassen, sich aus dem vielstimmigen Chor der unterschiedlichen Erzählstimmen seine eigene Geschichte zusammenzusetzen, und das ist nachhaltiger als eine fertig auserzählte Handlung, die Brüche und Leerstellen zuschreiben will. Der Phantasie des Lesers ist dadurch ein weiter Spielraum gegeben, was das Buch zu einer ungemein fesselnden Lektüre macht.
Ruth Roebke, Bochum