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Autor
Molzahn, Ilse

Der schwarze Storch

Untertitel
Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thomas Ehrsam
Beschreibung

Katharina ist sechs Jahre alt, sie lebt mit ihren Eltern, der frömmelnden Mutter und dem unberechenbaren Vater, auf dem Landgut Olanowo in Posen. Da sie mit den Kindern der auf dem Gut arbeitenden Polen nicht spielen darf, streunt sie allein in der Natur herum und fühlt sich in der Küche und bei dem Gesinde freier als bei ihrer Familie. Katharina ist die Ich-Erzählerin der Geschichte: ein waches, wildes Kind, das genau beobachtet, was um es herum vorgeht, und ausspricht, was es sieht – auch wenn es viel davon nicht versteht: die krassen Herr-Knecht-Verhältnisse auf dem Gut, die harte Arbeit des Gesindes, den gewalttätigen Verwalter, die Gier der Männer nach Alkohol und jungen Frauen. Einzig das polnische Dienstmädchen Helene ist eine Vertraute für sie, von ihr fühlt sie sich ernst genommen. Aber dann geschieht etwas mit Helene, das sie sich nicht erklären kann…
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Wallstein Verlag, 2022
Format
Gebunden
Seiten
376 Seiten
ISBN/EAN
978-3-8353-5135-6
Preis
28,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Ilse Molzahn (1895-1981) wuchs in Kowalewo in der ehemaligen Provinz Posen auf. In Breslau, wo ihr Mann, der Maler Johannes Molzahn, an der Akademie lehrte, schrieb sie Erzählungen und fürs Feuilleton, u. a. für die Vossische Zeitung und die Deutsche Allgemeine Zeitung.

Nach der Schließung der Akademie und der Machtergreifung der Nazis siedelte sie nach Berlin über, wo sie weiter Gedichte und Romane schrieb und auch journalistisch tätig war. Im Gegensatz zu ihrem Mann, der 1938 in die USA geflohen war, blieb sie in Deutschland und lebte ab 1953 bis zu ihrem Tod als Schriftstellerin in West-Berlin.

Zum Buch:

Hauptfigur und zugleich die Ich-Erzählerin im Roman Der schwarze Storch ist die sechsjährige Katharina. Sie lebt mit ihren Eltern, der frömmelnden Mutter und dem unberechenbaren Vater, auf dem Landgut Olanowo in Posen. Für ein Kind ist das Leben dort einsam. Die Erwachsenen interessieren sich nicht für das Mädchen – es sei denn, es gibt etwas an ihr zu erziehen –, und mit den “Hofekindern”, den Kindern der auf dem Gut arbeitenden Polen, darf es nicht spielen. Es ist oft sich selbst überlassen, streunt allein in der Natur herum und fühlt sich in der Küche und bei dem Gesinde freier als bei ihrer Familie. Katharina ist ein waches, wildes Kind mit ausgeprägtem Gerechtigkeitsgefühl und starker Phantasie, das beobachtet, was um es herum vorgeht, und das ausspricht, was es sieht – auch wenn es vieles davon eher intuitiv begreift als wirklich einordnen kann: die krassen Herr-Knecht-Verhältnisse auf dem Gut, die harte Arbeit des Gesindes, den gewalttätigen Verwalter, die Gier der Männer nach Alkohol und den jungen Frauen.

Der schwarze Storch spielt um 1900 und umfasst ein Jahr von Frühjahr zu Frühjahr. Sehnlichst erwartet Katharina die Ankunft der Störche, der Glücksbringer, die in diesem Jahr auch ein Brüderchen mitbringen sollen. Zuerst aber erscheint ein ganz unerwarteter Gast: Ein schwarzer Storch will sich in der großen Pappel am Haus einnisten. Das Mädchen ist fasziniert von dem majestätischen Tier. Kurz darauf erlebt es, wie die ankommenden weißen Störche diesen Außenseiter mit ihren Schnäbeln attackieren und der Vater ihn mit einem gezielten Schuss erlegt, später ausstopft und über dem Tisch im Esszimmer aufhängt.

Weniges an diesem ländlichen Leben ist idyllisch. Eine latente Bedrohung liegt über dem Gut, das wenig abwirft und zunehmend überschuldet ist. Der Vater und sein Gehilfe, der Vogt, sind die Herren über Familie und Gesinde. Katharina beobachtet Grobheit, Grausamkeiten, sexuelle Nachstellungen. Vieles davon verschwimmt ihr in einer Mischung aus Wachheit und Traum, Beobachtetem und Phantasiertem. “Erwachsene lügen immer” stellt sie irgendwann fest, und die einzige Ausnahme ist für sie das polnische Dienstmädchen Helene, zu dem sie tiefes Vertrauen gefasst hat. Aber dann geschieht etwas mit Helene, das Katharina zutiefst verwirrt und woran sie sich nicht ganz schuldlos glaubt …

Dass Ilse Molzahn für ihr Buch die Perspektive eines Kindes wählt, ist ein riskantes Unterfangen. Die komplexe Handlung kann sie schlecht im Duktus einer Sechsjährigen erzählen. Aber seltsamerweise funktioniert der Trick, mit einer erwachsenen Stimme zu sprechen, weil die Autorin den Blick eines Kindes beibehält.

Informativ und erhellend ist ein langes Nachwort des Herausgebers Thomas Ehrsam zu Leben und Werk der Autorin und der wechselvollen Publikationsgeschichte von Der schwarze Storch. Ilse Molzahn war ausgebildete Sozialfürsorgerin. 1919 heiratete sie den expressionistischen Maler Johannes Molzahn, mit dem sie zwei Söhne hatte. In Breslau gehörte das Ehepaar zu den progressiven künstlerischen Kreisen, von denen einige Mitglieder sich wenig später dem frisch gegründeten Bauhaus anschlossen. Ilse Molzahn schrieb Theaterkritiken und Buchrezensionen für namhafte Zeitungen. 1932 begann sie, an ihrem ersten Roman, Der schwarze Storch, zu arbeiten.

Die Nähe der Schriftstellerin zum Expressionismus einerseits und zur neuen Sachlichkeit andererseits schlägt sich in Stil und Sprache des Romans nieder. Unbändiger Bilderreichtum, ein treibender Rhythmus wechseln mit knappen, verdichteten Szenen von eindrücklicher Wucht. So wenig eindeutig wie die Sprache sind die Charaktere der Menschen. Neben den Naturschilderungen, der immer wieder leise aufblitzenden Komik und dem klaren Blick auf eine dem Untergang geweihte Welt macht die Mehrdeutigkeit, die das gesamte Buch durchzieht, den Roman Der schwarze Storch zu einer fesselnden und faszinierenden Lektüre.

Ruth Roebke, Frankfurt