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Autor
Hahn, Anna Katharina

Aus und davon

Untertitel
Roman
Beschreibung

Mit einem ungemein unprätentiösen Ton vermag Anna Katharina Hahn ihre Leser seit ihrem ersten Roman in einen wahrhaft magischen Bann zu schlagen und – so müsste man sagen – regelrecht zu verzaubern, wenn diese Worte einen nicht auf die falsche Fährte lockten, denn wer rechnet schon in der blitzsauberen Kehrwochenmetropole mit magischem Zauber. Stuttgart, eine Familie, drei Generationen – drei Frauen, die sich jeweils für eine Familie entschieden haben und jeweils gegen sie und sich und den Alltag und das Leben kämpfen; völlig undramatisch, ja, Hahn schreibt keine Oper, aber eben doch: kämpfen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2020
Format
Gebunden
Seiten
308 Seiten
ISBN/EAN
978-3-518-42919-8
Preis
24,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Anna Katharina Hahn, geboren 1970, gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Generation. 2009 erschien ihr Longseller Kürzere Tage, der auch ins Englische und Finnische übersetzt wurde. Ihr Roman Am Schwarzen Berg stand 2012 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse und auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. 2016 erschien Das Kleid meiner Mutter. Die Recherchen für Aus und davon führten sie in die USA und nach Mainz, wo sie 2018 die renommierte Stelle als Stadtschreiberin innehatte. Zugleich zeigt sie in ihrem neuen Roman ein unbekanntes Stuttgart, fern aller Klischees von der satten Schwabenmetropole.

Zum Buch:

Mit einem ungemein unprätentiösen Ton vermag Anna Katharina Hahn ihre Leser seit ihrem ersten Roman in einen wahrhaft magischen Bann zu schlagen und – so müsste man sagen – regelrecht zu verzaubern, wenn diese Worte einen nicht auf die falsche Fährte lockten, denn wer rechnet schon in der blitzsauberen Kehrwochenmetropole mit magischem Zauber. Just aber da, in Stuttgart, sind fast alle Romane Hahns beheimatet, auch der neue, im Mai erschienene Aus und davon. Schon der erste Roman, mit dem Anna Katharina Hahn für Aufmerksamkeit sorgte, war ein Familienroman, in dem sie eine damals noch neue Generation der Hipster beschrieb, die sich in Altbauwohnungen niederließen und Familien gründeten und damit auf einmal die kürzeren Tage erlitten.

Nun also wieder Stuttgart und wieder eine Familie, dieses Mal aber bekommen wir gleich drei Generationen präsentiert, drei Frauen, die sich jeweils für eine Familie entschieden haben und jeweils gegen sie und sich und den Alltag und das Leben kämpfen; völlig undramatisch, ja, Hahn schreibt keine Oper, aber eben doch: kämpfen.

Die jüngste der Frauen ist Cornelia, die von ihrem Mann Dimitrios seit einiger Zeit getrennt und nun mit ihren beiden Kindern alleine lebt, aber keineswegs in einer hippen Altbauwohnung, sondern an der Multukulti-Ostendstraße in einer kleinen Wohnung mit dunklem Hinterhof. Cornelia lebt den kräftezehrenden Alltag zwischen den Patienten auf ihrer Physiotherapeutenliege und den beiden Kindern, der pubertierenden Stella und dem Dickerchen Bruno, für dessen Kampf gegen die Pfunde ein Trampolin im Hinterhof angeschafft wurde.

Der Roman setzt just zu dem Zeitpunkt ein, als sich Cornelia eine Auszeit gönnt, nach New York fliegt und die Kinder ihrer Mutter Elisabeth überlässt – die sich gleich am ersten Tag nicht an den strengen Essensplan für Bruno hält, sondern Pfannkuchen bäckt, einer bliebt an der Decke hängen und hinterlässt eine fettige Spur. Elisabeth ist die zweite Frau, die im Zentrum des Romans steht und ebenfalls kurz vor Einsetzen der Erzählung von ihrem Mann Hinz sitzen gelassen wurde. Elisabeth hat sich in den 60er Jahren aus ihrem pietistischen Heimatdorf zu befreien versucht, jenen treulosen Mann geheiratet und ein Reisebüro gegründet: eine geradezu revolutionäre, weil ungemein weltoffene Aktion gegenüber der pietistischen Strenge und Verwurzelung im frommen Dorf ihrer Kindheit. In diesen frommen Dunstkreis rund um Stuttgart war wiederum ihre Mutter aus Amerika mit einem Mann aus Gottsfelde zurückgekehrt, nachdem sie als junges Mädchen in den 1920er-Jahren verschickt wurde, um der Hungersnot zu entkommen. Sie ist die dritte Frau im Bunde, auf deren Spuren Cornelia in Amerika unterwegs ist.

Verbunden werden die drei Generationen durch ein Familienerbstück, eine kleine, mit Linsen gefüllte Puppe: den Linsenmaier. Der Linsenmaier hat Cornalias Urgroßmutter nach Amerika begleitet und liegt nun bei Bruno im Bett und entfaltet eine neue Ebene des Erzählens, eben jene des magischen Realismus. Er begleitet die Frauen durch ihr Leben und zeugt zugleich von den Nöten und Schwierigkeiten, die sich jede Generation von Neuem stellen muss. Dass diese Puppe just mit Linsen gefüllt ist, spricht für Hahns feinem Gespür für starke Symbolik, denn eben jene Linsen verweisen zugleich auf das Schwabenland und jenen strengen Pietismus, der trotz aller Befreiung noch immer in den Köpfen der jüngeren Generation spukt: jene im Kinderalter gehörten Ermahnungen zu Enthaltsamkeit und Mäßigung prägen über Generationen hinweg und halten die Frauen gefangen im System der familiären Fürsorge und Pflege – sie sind wie die drei Tauben auf dem Buchumschlag, die treu gurrend immer wieder nach Hause in den Taubenschlag zurückkehren. Erschreckend genau beobachtet und entlarvend gut erzählt.

Ines Lauffer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt