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Autor
Boum, Hemley

Die Tage kommen und gehen

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke
Beschreibung

Drei Frauen, drei Leben, drei Generationen zwischen Afrika und Europa. Abi, eine in Frankreich und Kamerun aufgewachsene Frau mittleren Alters, selbst schon Mutter eines erwachsenen Sohnes, bringt ihre Mutter Anna schweren Herzens in ein Pariser Hospiz, weil sie die an Krebs erkrankte alte Frau zu Hause nicht mehr angemessen versorgen kann. Die Mutter schaut in ihren letzten Tagen zurück, spricht zum ersten Mal über Erlebnisse in ihrer Kindheit und Jugend, legt Zeugnis über ihr Leben ab, beginnend in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Kamerun.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Peter Hammer Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
376 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7795-0669-0
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Hemley Boum, geboren 1973 in Duala/Kamerun, studierte Sozialwissenschaften in Yaoundé und Internationalen Handel in Lille/Frankreich. Sie lebt heute mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Frankreich. Ihr Roman „Si d´aimer …” stand auf der Shortlist für den Ahmadou-Kourouma-Preis 2013. „Gesang für die Verlorenen” (Orig.:„Les Maquisards”) wurde mit dem Grand Prix littéraire d´Afrique Noire 2015 ausgezeichnet.

Zum Buch:

Drei Frauen, drei Leben, drei Generationen zwischen Afrika und Europa. Abi, eine in Frankreich und Kamerun aufgewachsene Frau mittleren Alters, selbst schon Mutter eines erwachsenen Sohnes, bringt ihre Mutter Anna schweren Herzens in ein Pariser Hospiz, weil sie die an Krebs erkrankte alte Frau zu Hause nicht mehr angemessen versorgen kann. Die Mutter schaut in ihren letzten Tagen zurück, spricht zum ersten Mal über Erlebnisse in ihrer Kindheit und Jugend, legt Zeugnis über ihr Leben ab, beginnend in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Kamerun.

Beeindruckend empathisch beschreibt die Autorin Hemley Boum, wie die kleine Anna, aufgewachsen als Waise in einem kamerunischen Dorf, erstmals mit einer von weißen Ordensschwestern geführten Missionsstation in Kontakt kommt, wie sehr sie die weißen Tischdecken, das glänzende Besteck, die Sauberkeit und die fremden, duftenden Speisen faszinieren, wie brennend sich das Mädchen wünscht, Teil dieser Welt zu werden. Sie wird alles tun, um die empfundene Perspektivlosigkeit in ihrer dörflichen, staubigen Heimat abzuschütteln, auch wenn dieser Weg ihr extreme Anpassung und die Verleugnung der eigenen Herkunft abverlangt. Ein hoher Preis für ein Leben zwischen den Welten, zwischen europäischen und afrikanischen Werten, in einer Zeit, in der so viele afrikanische Länder um ihre Unabhängigkeit kämpften. Zu hoch?

Trotz vieler Widrigkeiten und anhaltender Demütigungen auf der weiterführenden Schule, auch seitens arroganter Mitschülerinnen aus der Kameruner Elite, kann Anna ihrer Liebe zu Büchern nachgehen und wird später trotz einer frühen, ungeplanten Schwangerschaft das Leben einer unabhängigen Frau führen. Ihr Mann Louis, der sich trotz ihrer einfachen Herkunft, auch aufgrund ihres Intellekts und ihres ungebrochen wachen Geistes in sie verliebt, wird unter dem Druck seiner reichen Familie den Weg der Macht und des Geldes einschlagen, statt sich einer Widerstandsbewegung gegen die Verwestlichung des neuen, unabhängigen Kameruns anzuschließen.

Auf dem Boden dieser Geschichte wächst nicht nur Annas Tochter Abi, sondern später auch die Enkelgeneration heran, die einem ideologisch entwurzelten Land wenig entgegenzusetzen hat. Christliche Freikirchen, denen sich Menschen auf der Suche nach Wertesystemen in vielen afrikanischen Ländern anschlossen, hatten ähnlich leichtes Spiel wie islamistische Gruppierungen, etwa Boko Haram, deren unbeschreiblich brutales Vorgehen gegen Frauen und Kinder es sogar bis in europäische Nachrichten geschafft hat.

Wer etwas über Kolonialgeschichte erfahren möchte und über die verheerenden Konsequenzen unter anderem der christliche Missionierung für das Selbstverständnis der meisten afrikanischen Gesellschaften, der kann in Hemley Boums eindrucksvollem Roman tief in die Seele Kameruns gestern und heute eintauchen. Die Verleugnung der eigenen Traditionen riss ganze Generationen aus ihrer sozialen Einbindung, ohne ihnen die Chance zu geben, in ein neues Wertesystem oder auch in den Wohlstand mit hineinzuwachsen. Zurück blieb eine zerrüttete Gesellschaft, anfällig für radikale Prediger und Extremismus

Romane, die sich um Frauen aus drei Generationen ranken, begegnen uns BuchhändlerInnen seit einiger Zeit ziemlich oft. Wenn ich jedoch einen nennen sollte, der besonders lesenswert ist, auch weil wir afrikanische Geschichte und Gegenwart danach anders und besser begreifen, dann Boums klugen und erhellenden Roman Die Tage kommen und gehen.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt