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Autor
Aly, Götz

Das Prachtboot

Untertitel
Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten
Beschreibung

Die Ethnographischen Ausstellungen im Humboldt Forum sind eröffnet oder werden Zug um Zug eröffnet. Die Debatte um die Ursprünge der Sammlungen der Berliner Museen in der deutschen Kolonialpolitik oder, anders gesagt, ihre unlösbare Verstrickung mit den Verbrechen des Kolonialrassismus begleitet die Neukonzeption der Ausstellungen seit Jahren. Kurz vor ihrer Eröffnung im rekonstruierten preußischen Stadtschloss legte Götz Aly eine Fallstudie vor, die mitten in diese Verstrickungen hineinführt. Aly ist ein Meister der anschaulichen Geschichtserzählung, und so lernen die Lesenden Akteure der unterschiedlichsten Berufsgruppen kennen. Es entsteht eine Vorstellung von einer Generation deutscher Männer, die sich mit großer Begeisterung an der Kultur der Wilden bedienten und nicht zuletzt die physische Existenz der Frauen und Männer in der Südsee vernichteten.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
S. Fischer Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
240 Seiten
ISBN/EAN
978-3-10-397036-4
Preis
21,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Götz Aly ist Historiker und Journalist. Er arbeitete für die »taz«, die »Berliner Zeitung« und als Gastprofessor. Seine Bücher werden in viele Sprachen übersetzt. 2002 erhielt er den Heinrich-Mann-Preis, 2003 den Marion-Samuel-Preis, 2012 den Ludwig-Börne-Preis. Bei S. Fischer erschienen von ihm u.a. 2011 »Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933« sowie 2013 »Die Belasteten. ›Euthanasie‹ 1939-1945. Eine Gesellschaftsgeschichte«. Im Februar 2017 erschien seine große Studie über die europäische Geschichte von Antisemitismus und Holocaust »Europa gegen die Juden 1880–1945«. Für dieses Buch erhielt er 2018 den Geschwister-Scholl-Preis.

Zum Buch:

Die Ethnographischen Ausstellungen im Humboldt-Forum sind eröffnet oder werden Zug um Zug eröffnet. Die Debatte um die Ursprünge der Sammlungen der Berliner Museen in der deutschen Kolonialpolitik oder, anders gesagt, ihre unlösbare Verstrickung mit den Verbrechen des Kolonialrassismus begleitet die Neukonzeption der Ausstellungen seit Jahren. Kurz vor ihrer Eröffnung im rekonstruierten preußischen Stadtschloss legte Götz Aly eine Fallstudie vor, die mitten in diese Verstrickungen hineinführt. Aly ist ein Meister der anschaulichen Geschichtserzählung und so lernen die Lesenden Akteure der unterschiedlichsten Berufsgruppen kennen. Es entsteht eine Vorstellung von einer Generation deutscher Männer, die sich mit großer Begeisterung an der Kultur der Wilden bedienten und nicht zuletzt die physische Existenz der Frauen und Männer in der Südsee vernichteten.

Für Aly ist ein Grund seines Interesses an diesen Abenteurern, Missionaren, Händlern, Militärs und anderen, dass sein Großonkel dazugehörte. Es geht für ihn, wie so vielen Deutschen derzeit, also auch um Familiengeschichte. Das Motiv liegt in der Erforschung der Gründe für die NS-Verbrechen und den Fragen, die mit ihrer Einbettung in die Epochen vor und nach der NS-Zeit verbunden sind. Die Kolonialverbrechen, die Aly mit großer Akribie, man könnte eigentlich sagen, mit Begeisterung für die Details beschreibt, erweisen sich als alltägliches Handeln der Beteiligten. Es ist ihr Lebensinhalt, in den Südsee-Besitzungen des Deutschen Reiches die indigenen Einwohner zu überfallen und ihren Besitz zu plündern.

Das “Prachtboot”, von dem Alys Buch handelt, ist ein zentrales Objekt der Ausstellungen im neuen Humboldt Forum. Die Handelsfirma Hernsheim & Co. erwarb das Boot 1903 auf der ozeanischen Insel Luf. Über diesen Erwerb gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Erzählungen, die alle um die Tatsache kreisen, dass die Bevölkerung der Insel „ausgestorben“ sei. An das Beispiel der Aneignung des „Luf-Bootes“ knüpft Aly ein Gewebe von Informationen und aus den Akten rekonstruierten biographischen Details über die deutschen Akteure, um die Tatsachen hinter den Varianten von beschönigenden Erzählungen offen zu legen. Es ist eine bereits zur Zeit der deutschen Kolonialherrschaft offen beschriebene Tatsache, dass die Bevölkerung in Folge der Kolonisierung dezimiert wurde. Aly zitiert Felix von Luschan, Kurator der Ozeanischen Abteilung am Berliner Völkerkundemuseum, der 1902 beim Deutschen Kolonialkongress feststellt, dass „Alkoholismus, Geschlechtskrankheiten und die Sklavenjagden“ diesen Zusammenbruch der indigenen Bevölkerungen hervorbrachten. Auf der Insel Luf kulminierte die Gewaltpolitik der deutschen Kolonisierer in einer Strafexpedition der kaiserlichen Marine, bei der 1882 die meisten Wohnstätten und Boote zerstört sowie die meisten Bewohner ermordet wurden.

Aly folgt nun verschiedenen Lebensläufen von an den Kolonialverbrechen beteiligten Deutschen, seien es Abenteurer, Handelsleute, Militärs oder Vertreter der zeitgleich entstehenden Anthropologie und Ethnologie. Es zeigt sich, dass die Grundlage ihres Handelns eine sich formierende naturwissenschaftlich-rassistische Systematisierung der Menschen ist. Sie verbindet sich mit dem Anspruch, nur wer arbeite, könne ein Mensch sein. Aly zitiert den Reiseschriftsteller Johannes Wilda, der 1903 schreibt: „…ein Volk, das nicht arbeiten mag, verwirkt seine Bodenrechte.“ Das ist die Grundlage der Ausrottung ganzer Völker bei den Strafexpeditionen. Das Bewusstsein, dass all diese „Völker ohne Geschichte“ bald von der Erde verschwinden werden, versetzte die Sammler und Ethnologen in große Eile. Sie verstanden ihre Aufgabe darin, die Spuren dieser Völker zu „retten“, also nach Europa in die entstehenden Museen zu schaffen. Nach Europa wurden nicht nur die Gegenstände, die diese Kulturen auszeichneten, geschafft, auch die Toten bzw. die Schädel der aussterbenden Bevölkerung waren begehrte Objekte für Sammlungen und Forschung.

Wir verfolgen die Debatte um Raub und Restitution seit einigen Jahren. Institutionen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz geraten immer mehr unter Druck. Auch Alys “Prachtboot” hat einiges in Gang gesetzt, er hat die nächsten Schritte der Entwicklung in einem Artikel in der FAZ vom 20. September 2021 kommentiert. Aber die Ausstellungen im Humboldt-Forum behandeln das Thema der Verbrechen, die diese Sammlungen erst möglich gemacht haben, nach wie vor kaum. Die Verantwortlichen versuchen, zwischen dem Kulturtempel Museum und dem Diskursraum, in dem die Auseinandersetzungen um das vergiftete Erbe des Kolonialismus geführt werden, getrennt zu halten. Götz Alys Prachtboot trägt dazu bei, das zu verhindern. Das Museum wird selbst einer der Räume der Auseinandersetzungen werden. Es wird nicht nur die Archive öffnen müssen, sondern es wird die Besuchenden in den Prozess der Diskussionen zwischen den Nachfahren der Beraubten und Ermordeten und den Nachfahren der Räuber und Mörder verstricken müssen. Wie Michael Rothberg es formuliert: We are all implicated subjects.

Gottfried Kößler, Frankfurt a.M.