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Autor
Cervera, Alfons

Die Farben der Angst

Untertitel
Aus dem Spanischen von Erich Hackl
Beschreibung

Eine französische Studentin kommt in das arme Dorf Los Yesares in der Serranía, dem bergigen Hinterland von Valencia, um Material über den Alltag in den ersten Jahren nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs zu sammeln. Was war los in diesen Jahren nach dem Sieg der Falange, wie ist es den „Roten“, den Republikanern und ihren Familien unter Franco ergangen? Sie befragt die alten Leute, deren Kinder und Enkel, und der Tenor, der sich wie ein Basso Continuo durch ihre Interviews zieht, ist immer der gleiche: Wir haben darüber nicht gesprochen. Damals nicht, und auch später nicht. Aber dann sprechen sie doch …
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
bahoe books, 2020
Format
Gebunden
Seiten
200 Seiten
ISBN/EAN
978-3-903290-31-0
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Alfons Cervera, geboren 1947 in Gestalgar (Valencia), ist Autor von mehr als 20 Werken auf Spanisch und auch auf Katalanisch. Ein wichtiger Teil seiner erzählerischen Arbeit ist mit dem historischen Gedächtnis verbunden. Mehrere seiner Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt, vor allem ins Französische, wo einige von ihnen Teil des literarischen Kanons in den Schulen sind. Zuletzt erschienen: La noche en que los Beatles llegaron a Barcelona (2018).

Zum Buch:

Eine französische Studentin kommt in das arme Dorf Los Yesares in der Serranía, dem bergigen Hinterland von Valencia, um Material über den Alltag in den ersten Jahren nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs zu sammeln. Was war los in diesen Jahren nach dem Sieg der Falange, wie ist es den „Roten“, den Republikanern und ihren Familien unter Franco ergangen? Sie befragt die alten Leute, deren Kinder und Enkel, und der Tenor, der sich wie ein Basso Continuo durch ihre Interviews zieht, ist immer der gleiche: Wir haben darüber nicht gesprochen. Damals nicht, und auch später nicht.

Aber dann sprechen sie doch, die alten Leute, die damals jung oder noch Kinder waren. Und was sie erzählen, ist unglaublich, erschütternd, macht sprachlos. Sie erzählen davon, wie sie als Kinder unter dem Johannisbrotbaum am Fluss „aufhängen“ spielten: die „Guten“, angeführt von Gary Cooper, ließen einen der „Bösen“ auf einen Stein steigen, banden ihm ein Seil um die Hüften, schlangen das andere Ende um einen Ast und stießen den Stein weg, so dass er in der Luft baumelte. Und wie eines Morgens plötzlich ein Mann dort hing, der das Seil aber um den Hals geschlungen hatte. Sie erzählten, warum der Mann dort hing, was mit seiner Frau, mit seinen Kindern geschehen war. Sie erzählten von Dorffesten und Theatervorführungen, bei denen sich manche heimlich wegschlichen, um jemanden zu treffen, der in den Bergen hauste – und von dem, was danach geschah. Sie erzählten von Fausto, dem großen Läufer, der von den Falangisten gezwungen wurde, noch einmal beim regionalen Lauf mitzumachen und zu siegen, und der dann zwar als erster vor dem Ziel ankam, aber dann davor stehen blieb, alle anderen an sich vorbei ziehen ließ, weil er die Siegesmedaille mit dem Falangezeichen nicht annehmen wollte, und in der Nacht mit dem Wagenheber zum Krüppel geschlagen wurde.

Die Geschichten, die die französische Studentin erfährt, sind von ungeheurer Brutalität, und das macht die Lektüre dieses schmalen Bändchens nicht leicht. Aber die höchst kunstvolle Komposition der Erzählung, in der Themen und Personen aus je verschiedenen Blickwinkeln erst locker zusammengestellt und immer stärker verdichtet, immer facettenreicher, farbiger werden, zusammengefügt zu einer Symphonie aus Schrecken, Hass, Liebe und Hoffnung, lässt einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Die Farben der Angst ist, wie der Klappentext verrät, Teil eines Romanzyklus von Alfons Cervera über die Francodiktatur; und nach der Qualität dieses Bandes zu urteilen, sollten die anderen Bände baldmöglichst ebenfalls ins Deutsche übersetzt werden.

Irmgard Hölscher, Frankfurt