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Autor
Bijl, Martine

Königin außer Dienst

Untertitel
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Beschreibung

Alle drei Minuten ereignet sich in Deutschland ein neuer Schlaganfall, alle neun Minuten stirbt ein Patient an dessen Folgen. In Deutschland ist er die dritthäufigste Todesursache und weltweit die häufigste Ursache für lebenslange körperliche Einschränkung. Soviel zu den Zahlen der deutschen Ärztezeitung.

Die 1948 geborene niederländische Schauspielerin Martine Bijl ist, dank ihrer Hauptrolle in einer beliebten Comedy-Serie seit über vierzehn Jahren in Holland bekannt wie ein bunter Hund. Und Martine Bijl ist eine derjenigen, in deren Leben von heute auf morgen nichts mehr war wie zuvor.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Zsolnay Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
144 Seiten
ISBN/EAN
978-3-552-07230-5
Preis
19,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Martine Bijl (1948 bis 2019) war Schauspielerin, sie gewann viele wichtige Theaterpreise und spielte vierzehn Jahre lang die Hauptrolle in einer beliebten Comedy-Serie in den Niederlanden. Auch als Kinderbuchautorin war sie sehr erfolgreich.

Zum Buch:

Alle drei Minuten ereignet sich in Deutschland ein neuer Schlaganfall, alle neun Minuten stirbt ein Patient an dessen Folgen. In Deutschland ist er die dritthäufigste Todesursache und weltweit die häufigste Ursache für lebenslange körperliche Einschränkung. Soviel zu den Zahlen der deutschen Ärztezeitung.

Dass hinter diesen Zahlen Familien oder Lebenspartner stehen, die neben den Betroffenen selbst mit den Folgen und Beeinträchtigungen manchmal lebenslang kämpfen, weiß man, verdrängt es aber meist erfolgreich, bis es im näheren Umfeld geschieht.

Die 1948 geborene niederländische Schauspielerin Martine Bijl ist, dank ihrer Hauptrolle in einer beliebten Comedy-Serie seit über vierzehn Jahren in Holland bekannt wie ein bunter Hund. Und sie ist eine derjenigen, in deren Leben von heute auf morgen nichts mehr war wie zuvor.

In Königin außer Dienst schreibt sie über die Wochen und Monate nach dem Schlaganfall, die sie in verschiedenen Kliniken verbringt, in denen man versucht, ihr in möglichst kurzer Zeit möglichst große motorische und kognitive Fortschritte zu ermöglichen. Das Zeitfenster für Fortschritte scheint sich zu schließen, je länger der Vorfall zurückliegt. Zumindest sagen das die Statistiken, und das nötigt die Betroffenen zur Eile. „Es dringt langsam zu mir durch, dass meine Genesungszeit begrenzt ist. Und ich gehe es völlig falsch an. Ich will nicht akzeptieren, dass ich nicht wieder völlig gesund werden kann. Ich bin zwar gerade nicht auf dem Damm, aber das geht vorüber, rede ich mir ein. (…)“

Es gibt Falltrainings, Schwimmstunden, Physiotherapie, einen Hauspsychologen und den Bastelraum, den Martine irgendwann liebt, obwohl sie sich auf dem Weg dorthin anfangs mehrfach heillos verläuft. Es gibt PflegerInnen, SchicksalsgefährtInnen und skurrile Begegnungen mit inneren Dämonen und äußeren Herausforderungen.

Diesen menschlichen Ausnahmezustand beschreibt Martine Bijl beeindruckend aufrichtig, mit einer großen Portion Selbstironie und ohne die Tragik der Situation auszuwalzen. Wo Joachim Meyerhoff in seinem 2020 erschienenen Hamster im hinteren Stromgebiet seine schlaganfallbedingten Ausfallerscheinungen und Krankenhauserlebnisse wort- und bildgewaltig und mit psychedelischem Furor schildert, schreibt Bijl in eher nüchternem, teils lakonischen und manchmal humorvollen Ton, der die Alltäglichkeit dieses Schicksals stärker betont. Sie eröffnet dadurch einen Einblick in die Psyche einer Betroffenen, wie ich ihn selten gelesen habe. Welche umfassenden psychischen Folgen eine Schädigung bestimmter Hirnstrukturen mit sich bringen kann, bleibt oft stärker im Verborgenen als eine Querschnittslähmung oder ein hängender Mundwinkel. Wie viel Angst, Unsicherheit und inneres Chaos das Leben dieser Menschen oft noch Jahre nach dem Ereignis bestimmen, hat Martine Bijl auf 131 lesenswerten Seiten literarisch be-greifbar gemacht.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt