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Autor
Albahari, David

Heute ist Mittwoch

Untertitel
Roman. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann
Beschreibung

Ein namenloser Erzähler, der zusammen mit seinem an Parkinson erkrankten Vater in dessen Wohnung im Belgrader Stadtteil Zemun wohnt, berichtet, wie er seinen ehemals tyrannischen Vater pflegt und dabei kennenlernt. Während langer Spaziergänge an der Donau fängt der Vater an, aus seiner Vergangenheit zu berichten. Dabei verschweigt er nicht, dass er einst als Politkommissar Kulaken und Popen verprügelt und im Dienste der „Guten Sache“ allerlei andere Verbrechen begangen hat. Später ist er dann ins Straflager gesteckt worden und wurde so selbst Opfer von Gewalt.

David Albaharis neuer Roman Heute ist Mittwoch verhandelt genau dieses Thema – unter anderem. Denn auf 200 Seiten lässt sich nicht nur eine ganze Lebensgeschichte unterbringen, sondern auch eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens selbst. Fasse dich kurz, heißt es, bring dabei aber das Wesentliche rüber: Albahari schafft beides.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Schöffling Verlag, 2020
Format
Gebunden
Seiten
208 Seiten
ISBN/EAN
978-3-89561-429-3
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

David Albahari wurde 1948 in Peć im heutigen Kosovo geboren und ist einer der renommiertesten Schriftsteller Serbiens. Er studierte Englische Literatur in Belgrad und hat Vladimir Nabokov und John Updike ins Serbische übersetzt. 1973 erschien sein erster Erzählungsband, zahlreiche weitere Romane und Erzählungen folgten. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet worden, z. B. mit dem NIN-Preis, Ivo Andrić-Preis und dem Brücke-Berlin-Preis. David Albahari lebt in Calgary und Belgrad.

Zum Buch:

Über Belgrad thront die altehrwürdige Festung. Vielmehr thront da, was mal die Festung war, denn außer den wuchtigen Mauern, die ringförmig einen staubig-öden Platz umschließen, ist kaum mehr etwas davon zu sehen. Wer allerdings durch den Kalemegdan-Park dem Zentrum der Festung entgegen durch die Tore der Ringmauern spaziert, spaziert durch mehrere Epochen. Ein prächtiges Tor aus osmanischer Zeit, Panzer, Haubitzen, Kriegsgerät aus allen möglichen Kriegen, ein türkisches Mausoleum, ein paar Meter weiter Grabsteine aus römischer Zeit und all das schließlich auf einem Hügel, der im Kalten Krieg ausgehöhlt und zu einem Bunker umfunktioniert wurde. Wer also auf diesem Hügel aus Kalkstein steht, der da über Donau und Save katzbuckelt, steht auf dem Geröll mehrerer tausend Jahre, einer Art archäologischer Lasagne. Das ganze Land, mal diesem Herrn, mal jenem, war immer heiß umkämpft, von inneren und äußeren Spannungen unter Strom gehalten, von fremden Mächten berückt, von ideologischen Spinnereien verwüstet. Es war immer kompliziert, und die Belgrader Stadtgeschichte reflektiert den wirren und verästelten Gang der Geschichte – wer wo wann wem zu welchem Zeitpunkt das Leben zur Hölle gemacht hat – ein blutiger Nebel, in dem als erstes die Orientierung verlorengeht. Schlussendlich zerfällt diese historische Überfülle in ihrer ganzen Tragik beim berauschenden Blick über die üppigen Donauauen, über Belgrad, in die ewigen Kategorien von Opfer und Täter – und das macht es nicht weniger komplex.

„Auch ich bin ein Opfer“, antwortet Vater, „das seine Täter hat!“

David Albaharis neuer Roman Heute ist Mittwoch verhandelt genau dieses Thema – unter anderem. Denn auf 200 Seiten lässt sich nicht nur eine ganze Lebensgeschichte unterbringen, sondern auch eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Lebens selbst. Fasse dich kurz, heißt es, bring dabei aber das Wesentliche rüber: Albahari schafft beides.

Ein namenloser Erzähler, der zusammen mit seinem an Parkinson erkrankten Vater in dessen Wohnung im Belgrader Stadtteil Zemun wohnt, berichtet, wie er seinen ehemals tyrannischen Vater pflegt und dabei kennenlernt. Während langer Spaziergänge an der Donau fängt der Vater an, aus seiner Vergangenheit zu berichten. Dabei verschweigt er nicht, dass er einst als Politkommissar Kulaken und Popen verprügelt und im Dienste der „Guten Sache“ allerlei andere Verbrechen begangen hat. Später ist er dann ins Straflager gesteckt worden und wurde so selbst Opfer von Gewalt.

Schockiert, angewidert und gleichzeitig berührt von der ungewohnten Offenheit des Vaters, versucht der Sohn nun, sowohl den Vater als auch seine eigene Geschichte im Licht der neuen Informationen zu verstehen, und gerät dabei immer weiter auf ein nebliges Feld aus Reue, Mitleid, Zuneigung, Schuld und Vergebung.

In klaren, beinahe schlichten Sätzen, beschreibt Albahari, wie Vater und Sohn sich einander annähern, um sich im nächsten Moment wieder voneinander zu entfernen. Immer wieder monologisiert der schwerkranke Alte, erschöpft auf einer Bank am Donauufer sitzend, über Reue und Krankheit als Strafe, diskutiert mit seinem Sohn über den Unterschied zwischen der alten und der neuen Generation oder ergeht sich in Zornesausbrüchen, weil der Körper nicht mehr gehorcht.

Die beiden umreißen die großen Themen im Dialog, bleiben dabei aber stets alleine: Der Vater im Angesicht seiner Schuld in einer zwielichtigen Interimszone zwischen dem Dasein als Täter und als Opfer, der Sohn im Wissen um die Schuld und Grausamkeit des Vaters auf der Suche nach Erklärungen und seiner eigenen Position innerhalb der zerrütteten Familiengeschichte.

„Ich würde ihm nie das Recht absprechen, in einem bestimmten historischen Augenblick Entscheidungen zu treffen, aber genauso wenig würde ich ihn automatisch von der Verantwortung für die Folgen dieser Entscheidungen freisprechen.“

Anziehen – Abstoßen: Die Erzählung, die von diesen gegensätzlichen Bewegungen getragen wird, kann als Parabel auf die Historie gelesen werden, in der sich im Verhältnis der Generationen die Frage nach Schuld, Vergebung, Verantwortung und Freiheit immer wieder neu stellt. In diesem Generationen-Dialog, dem sowohl das hoffnungslose Unverständnis und die scharfe Verurteilung als auch das zugewandte Bemühen um Einsicht und Klarheit eingeschrieben ist, macht Albahari auf eindrucksvolle Weise klar, dass die Suche nach Antworten nicht selten in ein verwirrendes Labyrinth aus Vexier- und Spiegelbildern führt, die moralische Integrität allerdings nicht verhandelbar ist.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, frankfurt