
Vor über zwölf Jahrhunderten durchschritt der weiße Elefant Abul Abbas das Aachener Stadttor. Rund fünftausend Kilometer hatte das Tier zurückgelegt – von Bagdad bis ins fränkische Reich. Es war ein Geschenk des abbasidischen Kalifen Harun ar-Rashid an Kaiser Karl den Großen, begleitet vom jüdischen Kaufmann und Dolmetscher Isaak aus Narbonne. Wenige Jahre später verliert sich seine Spur in den Chroniken. In binde mich odysseus gleich an die ubahnstange beschwört der Lyriker Ozan Zakariya Keskinkılıç den Elefanten neu herauf. Er versetzt ihn ins urbane Berlin von heute, lauscht seiner geisterhaften Präsenz und entfaltet aus ihr ein vielstimmiges mythisches Panorama: Şahmaran, die verratene Schlangenkönigin, hinterlässt ein Testament aus Rache und Begehren, das geflügelte Reittier Burak setzt zur Nachtreise durch die Hasenheide an, Ischtar jagt in Hinterhöfen, Medea verbündet sich mit Tiamat und Ganymed lockt Zeus ins Hotelzimmer, während Dionysos die Tanzfläche unter Asche begräbt. Aus den Erzählwelten zwischen Mittelmeer und Mesopotamien treten Götter, Gestalten der Unterwelt und Liebespaare hervor und mischen sich unter die Gegenwart. So entsteht eine vielsprachige Topografie aus sakraler Anrufung und popkulturellem Sampling, in der Mythen zu wuchern beginnen. Sie verlassen ihre Tempel, schlagen Wurzeln im Asphalt und treiben Blätter im Neonlicht.