Zum Buch:
und wo kein Ausweg ist (Judith Zander) – da kann Lyrik anfangen, wie wir wissen …
Auch wenn der Lyrik-Taschenkalender 2016 mit einem Willkommen (und Abschied) von Goethe beginnt, muss man nicht der das Kalendarium begleitenden Gedichtfolge nachgehen. Mein größtes Vergnügen bei der Lektüre dieses Jahresbandes – nun schon die vierte Folge einer einzigartigen und einmaligen Art von Gedichtsammlung – ist es, irgendwo einzusteigen, das lose Ende eines mich interessierenden Fadens aufzunehmen und weit und weiter zu lesen, was sich so ergibt. Denn der Kalender präsentiert von 17 zeitgenössischen Dichter*innen jeweils ein Gedicht, und sie stellen wiederum je zwei weitere Gedichte vor.
Willkürlich etwa in der Mitte aufgeschlagen, findet sich auf diese Weise Nysa – es schläft das Gras, das Gras / schläft hier, ich spür … – und „In Nysa, dem alten Neiße an der oberschlesisch-böhmischen Grenze, liegt auf dem Jerusalemer Friedhof Joseph von Eichendorff begraben, im Gras – rückwärtsgelesen.“
Dieses Gedicht sei eine „Instandsetzung und Fortsetzung, ja Lebendigkeitsnachweis“ von Eichendorffs „Wünschelrute“: Schläft ein Lied in allen Dingen, schreibt Mirko Bonné, der das Gedicht von Tom Schulz für den Kalender ausgewählt hat.
Neugierig geworden, blättere ich nach Bonnés Gedicht An Bobrowski – Wollte ich Wirkliches nicht -… „Bonné überträgt, was Bobrowski schreibt, auf schwindelerregende Weise fast identisch auf seinen ‚Fall‘‚ aber es gelingt ihm, daraus ein eigenständiges Zwillingsgedicht zu machen“, erklärt uns in seinem Kommentar Henning Ziebritzki, der kluge Kompagnon von Michael Braun bei der Herausgabe dieser Lyrik-Wundertüte, – und er verweist auf Bobrowskis Gedicht An Klopstock.
Nun könnte sich meine Neugierde weiterhangeln zum Gedicht Die frühen Gräber von Klopstock und dem Kommentator Urs Allemann, aber ich hatte vor Nysa (Juni / 24. Kalenderwoche) in der 23. KW das Gedicht Von Jena gesehen, das wiederum der Herausgeber Michael Braun präsentiert und dabei ein – wie immer kundiges und präzises – Kurzporträt des Dichters Dirk von Petersdorff (Ich aber bin ein Mischer) einflicht: „Sirenenpop“ (2014): „Eine Fusion von romantischem Sehnsuchtston, politischem Gedicht und ausgenüchterter Ironie“.
Aber lesen Sie selbst: Ulrike Draesner, Martina Weber, Levin Westermann oder auch Marion Poschmann und Hans Arp, wie sie beide sich je verwundert sehen und neugierig zuschauen.
Sie können sogar ihr Lieblingsgedicht finden: Die entsprechende Seite im Kalender ist schon reserviert. Meins ist das von Renato P. Arlati und es ist mir ein Rätsel, warum…
Lesen Sie also selbst, und Sie werden fündig.
Karl Piberhofer, Berlin

