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Rückkehr nach Reims

Autor
Eribon, Didier

Rückkehr nach Reims

Untertitel
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Beschreibung

Um es vorwegzunehmen: Ein wunderbares Buch! Es ähnelt André Gorz‘ „Verräter“ darin, dass es eher eine minutiöse Autoanalyse ist als eine Autobiographie. Der renommierte französische Soziologe, Schüler Bourdieus und Foucaults, thematisiert schonungslos und selbstkritisch seinen Bildungsaufstieg, der ihn von der Arbeiterklasse der Provinzstadt weg mitten unter die „Mandarine von Paris“ führt.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2016
Seiten
240
Format
Taschenbuch
ISBN/EAN
978-3-518-07252-3
Preis
18,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Didier Eribon, geboren 1953 in Reims, lehrt Soziologie an der Universität von Amiens. Er gilt als einer der wichtigsten öffentlichen Intellektuellen Frankreichs und bezieht regelmäßig Stellung zum politischen Zeitgeschehen. Bei Suhrkamp erschien zuletzt: Michel Foucault. Eine Biographie.

Zum Buch:

Um es vorweg zu nehmen: Ein wunderbares Buch! Es ähnelt André Gorz‘ „Verräter“ darin, dass es eher eine minutiöse Autoanalyse ist als eine Autobiographie. Der renommierte französische Soziologe, Schüler Bourdieus und Foucaults, thematisiert schonungslos und selbstkritisch seinen Bildungsaufstieg, der ihn von der Arbeiterklasse der Provinzstadt weg mitten unter die „Mandarine von Paris“ führt. Bis in feinste Details schildert Eribon, wie teuer er seinen Weg aus der von Arbeit, Alkohol, Gewalt und engstirniger Homophobie geprägten Familie in „ein freies schwules Leben in Paris“ und in die intellektuelle Crème de la Crème erkauft hat. Studium und Bildung gestatteten ihm die Emanzipation aus dem Milieu seiner Herkunft – das er doch zugleich nie losgeworden ist. Jeder Bildungsaufsteiger wird die atemlose Lektüre zwischendurch unterbrechen, weil sie selbst Erfahrenes an- und Vergessenes aufrührt. Ausgelöst wurde diese Selbstanalyse durch Eribons Irritation darüber, dass er zwar seine Außenseiterrolle als Homosexueller mit viel Reflexion und Theorie zu begreifen suchte, psychische und emotionale Prägungen durch seine soziale Herkunft jedoch lange ausgeblendet hat. Nachdem er Jahrzehnte lang jeden Kontakt zu seiner Familie gemieden hatte, besucht er nach dem Tod des Vaters seine Mutter in Reims. Alte Fotos rufen in den beiden Erinnerungen wach, und sie berichtet ihm dabei Ereignisse aus ihrer Familiengeschichte, die sie zuvor sorgsam unter Verschluss gehalten hat. Ohne jede Sentimentalität zeichnet Eribon überaus sensible, ja anrührende Porträts seiner Großmutter und seiner Mutter. Diese hatte einst als Fabrikarbeiterin und Putzfrau den Rücken krumm gemacht, damit er im Gymnasium und an der Uni tagelang Montaigne und Balzac, Marx und Trotzki lesen konnte. Als er ihr von seiner Ernennung zum Professor für Soziologie erzählt, fragt sie: „Soziologie? Hat das etwas mit Gesellschaft zu tun?“

Aus dem Buch erfährt man auch, wie viele, die einst aus Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung die KPF gewählt hatten, zum Front national von Le Pen tendieren. Wie Eribon diesen Wandel am Beispiel seiner Familie beschreibt, hat etwas Beklemmendes – und man gesteht sich contre coeur ein, dass mit dem Etikett „Rechtspopulismus“ nicht viel erklärt ist. Dessen simple Freund-Feind-Parolen füllen ein Vakuum, das der Zerfall der gesamten sozialistischen Linken aufgerissen hat. Für diesen Zerfall macht Eribon das Eindringen neoliberaler Ideologien in den marxistischen Diskurs verantwortlich, was „den Wesenskern der Linken entleerte“: die Rede von Ausbeutung und Widerstand. Dieser ideengeschichtliche Blick ist mir zu viel Pariser Innenansicht – kein Wort zum langen Siechtum des Realsozialismus, das die utopische Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft zerstört hat. Doch ist diese Lücke das einzige Haar, das ich in dieser köstlichen Suppe gefunden habe. Noch einmal: Ein wunderbares Buch.

Bruno Schoch, Frankfurt am Main