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An das Wilde glauben

Autor
Martin, Nastassja

An das Wilde glauben

Untertitel
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Beschreibung

In den Hochebenen Kamtschatkas wird eine junge Anthropologin durch den Angriff eines Bären schwer verletzt. Sie kämpft mit dem Leben. Doch aufgeben ist keine Option: Sie will vielmehr herausfinden, wer sie geworden ist, nachdem sie ihr Gesicht – und damit ihre Identität – verloren hat.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz Berlin, 2021
Seiten
139
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-7518-0017-4
Preis
18,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Nastassja Martin, 1986 in Grenoble geboren, ist Anthropologin und Schriftstellerin. Die Schülerin Philippe Descolas ist Spezialistin für die Kosmologien und Animismen der Völker Alaskas und veröffentlichte vor ihrem ersten Roman, der großes Aufsehen erregte, u. a. mit Les âmes sauvages ein Buch über die Widerständigkeit der Inuit gegen die Zivilisation.

Claudia Kalscheuer, 1964 in Berlin geboren, studierte Romanistik, Linguistik und Philosophie in Berlin und Toulouse. Sie übersetzt seit 1994 aus dem Französischen, u. a. Marie NDiaye, Jules Verne und Sylvain Tesson.

Zum Buch:

Sie hockt im schneebedeckten Gras der Hochsteppe, wiegt den Oberkörper vor und zurück, versucht den Schmerz in ihrem zerrissenen Gesicht auszublenden. Da mit dem Blut auch jegliche Wärme aus ihrem Körper zu sickern droht, wickelt sie sich umständlich in ihren Schlafsack. Sie wartet darauf, dass sich endlich der Nebel lichtet, damit der russische Militärhubschrauber zu ihr durchdringen kann. Sie wartet bereits seit acht Stunden.

Es ist der 25. August 2015, als die neunundzwanzigjährige französische Anthropologin Nastassja Martin während einer Expedition in der vulkanischen Hochebene Kamtschatkas unversehens von einem Bären attackiert und lebensgefährlich verletzt wird. Es gelingt ihr, dem riesigen Tier mehrmals ihren Eispickel in die Flanke zu rammen und ihn so in die Flucht zu schlagen – in seinem Maul ein beachtliches Stück ihres Unterkiefers.

Der langersehnte Hubschrauber findet sie schließlich und fliegt die junge Frau in ein Lazarett, das sich in einer für Zivilisten verbotenen Militärzone befindet und eher einem Gulag ähnelt. Dort kümmert man sich um die Überlebende, die längst zur Attraktion geworden ist, grenzt es doch an ein Wunder, dass sie von dem Bären nicht getötet wurde. Als sie zum ersten Mal ihr Gesicht im Spiegel betrachtet, bricht sie zusammen. Doch aufgeben kommt nicht infrage.

Für sie selbst kam das, was auf der Hochebene geschah, einer Geburt gleich, wie sie später in ihr Schreibheft notieren wird, „… da es ganz offensichtlich kein Tod ist“. Die Anthropologin ist eine ausgesprochene Kennerin der Mythen der Ewen, jenem Waldvolk das sie über acht Monate hinweg studiert hat, und realistisch genug, das Geschehene nicht überzubewerten. Dennoch glaubt sie, ihre wiederkehrenden Träume, in denen sie als Raubtier über den Rücken der Erde streift, deuten zu müssen – um zu verstehen, was tatsächlich mit ihr geschehen ist, in ihrer Seele. Deshalb klammert sie sich bereits früh an ein Vorhaben: Sie muss all das niederschreiben. Sie darf nichts vergessen.

Zurück in Paris muss sie weitere Schmerzen erdulden, da nach einer Untersuchung in der Salpêtrière entschieden wird, die in Russland eingesetzten Kieferprothesen seien von minderer Qualität – und müssten durch bessere ersetzt werden. Hinzu kommt, dass sie sich erst einen gefährlichen Krankenhauskeim einfängt und später sogar der Verdacht auf Tuberkulose ausgesprochen wird. Geistig wie körperlich ist sie mit ihren Kräften längst am Ende, und so trifft sie eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie kehrt zurück in die Hochebene nach Kamtschatka, zum Stamm der Ewen. Sie begibt sich auf die Suche nach ihrer neuen Identität, denn in der Vorstellung des Waldvolks ist sie längst eine Miedka geworden – jemand, der zwischen den Welten lebt.

Mit ihrer autobiografischen Erzählung An das Wilde glauben hat sich Nastassja Martin auf eine Reise begeben, die sie nicht nur bis an die nördlichsten Grenzen Russlands führt, sondern auch bis auf den Grund ihres Ichs. In unaufdringlichen Worten und ohne auch nur einen Anflug von übertriebener Ergriffenheit seziert sie die tieferen Lagen ihres Unterbewusstseins und scheut sich auch nicht vor dem Eingeständnis, nicht mehr weiter zu können – oder zu wollen. Auf gerade mal 140 Seiten gestattet sie ihrer Leserschaft tiefe Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt und lässt sie teilhaben an ihrer ungewöhnlichen Identitätssuche.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln