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Selbstverteidigung

Autor
Dorlin, Elsa

Selbstverteidigung

Untertitel
Eine Philosophie der Gewalt. Aus dem Französischen von Andrea Hemminger
Beschreibung

Dorlins „Philosophie der Gewalt“ ist eine genealogische Arbeit zum historisch ambivalenten Wechselspiel aus Unterdrückung der Massen auf der einen und der notwendigen massenhaften Vigilanz und Wehrhaftigkeit auf der anderen Seite, die mit dem Beginn der frühen imperialen Konkurrenz und kolonialer Herrschaft einhergeht. Die Erschaffung der Nationen des modernen Europas war stets verknüpft mit der Idee eines Volkes, das seine Interessen im Zweifel auch gewaltsam gegen seine Herrscher durchsetzen können muss – nicht umsonst basieren sie bis heute auf Nationalmythen des Aufstands, der bürgerlichen Revolution, die es zum richtigen Zeitpunkt wieder aufzuhalten, zu entwaffnen gilt.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp Verlag, 2020
Seiten
315
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-518-58756-0
Preis
32,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Elsa Dorlin, geboren 1974, ist Professorin für Philosophie an der Universität Paris 8 Vincennes-Saint-Denis. Sie gilt als eine der führenden französischen feministischen Theoretikerinnen der Gegenwart und erhielt für ihre Forschungen u. a. die Médaille de Bronze du Centre National de la Recherche Scientifique. Selbstverteidigung. Eine Philosophie der Gewalt wurde mit dem Frantz Fanon Prize 2018 und dem Prix de l’Écrit Social 2019 ausgezeichnet.

Zum Buch:

Dorlins „Philosophie der Gewalt“ ist eine genealogische Arbeit zum historisch ambivalenten Wechselspiel aus Unterdrückung der Massen auf der einen und der notwendigen massenhaften Vigilanz und Wehrhaftigkeit auf der anderen Seite, die mit dem Beginn der frühen imperialen Konkurrenz und kolonialer Herrschaft einhergeht. Die Erschaffung der Nationen des modernen Europas war stets verknüpft mit der Idee eines Volkes, das seine Interessen im Zweifel auch gewaltsam gegen seine Herrscher durchsetzen können muss – nicht umsonst basieren sie bis heute auf Nationalmythen des Aufstands, der bürgerlichen Revolution, die es zum richtigen Zeitpunkt wieder aufzuhalten, zu entwaffnen gilt.

Aber auch nach außen hin, erinnert Dorlin, ist diese konstitutive Rolle von Gewalt entscheidend, und zwar in einem doppelten Sinn. Zuerst ist die ökonomische Entwicklung der Moderne nicht ohne die atlantische Verschleppung von vielen Millionen Menschen denkbar. Diese Praxis ist wiederum nicht durchzuführen ohne ein bis an die Zähne bewaffnetes und noch der letzten Menschlichkeit entledigtes Söldnersystem und einer sorgfältig geplanten Stufenhierarchie in den Kolonien, die freilich nicht vom Himmel fällt, sondern erzeugt werden muss – erzeugt und dann gebändigt, sofern sie sich nicht verselbstständigen soll. Aber auch das andere „Außen“ der Gesellschaft, nämlich alles jenseits des weißen, männlichen, besitzenden Vollbürgers, muss zuerst gewaltsam abgetrennt werden.

Dorlin untersucht diese „Fabrikation unbewaffneter Körper“ (25), die sie weniger als universale Geschichte, sondern in strukturalistischer Manier anhand von detaillierten Einzelepisoden bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt, und das rigorose Durchregieren der kolonialen Gewalt bis in die Kultur und Subjektivität. Das zeigt: Schon ein bestimmter „Tanzschritt steht im Verdacht, bereits ein Bekenntnis zum Kampf zu sein“ (41). Der Schwerpunkt beginnt aber ab dem 18. Jahrhundert mit der Haitianischen Revolution und endet mit der rassistischen Polizeigewalt der heutigen Zeit. Leser von Susan Buck-Morss, Martin Luther King oder Malcolm X finden hier viel neues und bisher nicht erzähltes Material.

Dem Band gelingt es, individuelle Unterdrückung und die Geschichte der republikanischen Gewalt in eine Erzählung zu flechten. Das ist auch für eine marxistische Theoriegeschichte interessant, wenn Dorlin an Rosa Luxemburg erinnert, die dem französischen Sozialdemokraten Jean Jaurès einen „Übereifer an patriotischer Pflichterfüllung und einen hartnäckigen kleinbürgerlich-demokratischen Glauben an die Macht der Gesetzestexte bescheinigt“, weil er den „französischen bellizistischen Interessen und dem Kapital allzu große Konzessionen macht“ (68).

Dieser Glaube an das Recht wird im weiteren Verlauf radikal dekonstruiert. Dorlin hält der Theorie der Menschenrechte den Spiegel ihrer völlig arbiträren, ja lächerlichen Praxis nicht nur, aber vor allem in den Kolonien vor, in der die so viel gelobte Gesetzeskraft nicht mal mehr als Farce, sondern bereits als Tragödie sich abspielt, insofern sie ausschließlich und erklärtermaßen als Mittel zur Unterdrückung dient: „Sklave ist, wer weder Recht noch Pflicht zur Selbsterhaltung hat“ (34) und damit gänzlich außerhalb der Reichweite der bürgerlichen Gesellschaft oder ihrer „Dialektik“ steht. Recht dagegen ist eine der Formen, die historisch zur „systematischen Verhinderung reziproken Handelns in Herrschaftsbeziehungen“ (46) eingesetzt wurde – und wird, denn der Fluchtpunkt der Untersuchung geht dahin, die Kontinuität dieser Herrschaftspraxis in der Gegenwart nachzuzeichnen, sind es doch letztlich die Auswirkungen auf die Subjektivitäten, die bis heute aus reziproken, wahrheitsfähigen Kommunikationsverhältnissen ausgeschlossen bleiben: Anzeigen von Polizeigewalt, die mit Gegenanzeigen zum Schweigen gebracht werden; Nichtigkeiten, die zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufgebauscht werden, weil es gar nicht um konkrete Handlungen, sondern um den Willen zum Widerstand geht, um eine Widerständigkeit des Subjekts, die prinzipiell gebrochen werden muss, wenn Recht als Herrschaftsform funktionieren soll; aber auch die Teilung in verteidigenswerte und wegwerfbare Frauen*körper und nicht zuletzt die rassistische Praxis, Gewalt gegen Schwarze von weißen Jurys freisprechen zu lassen – immer ist es die Produktion von subjektiver Wehrlosigkeit, die den eigentlichen Herrschaftszusammenhang ausmacht. Dorlin interpretiert die Geschichte von NAACP und der Black Panther Party for Self-Defense als eine moderne Reaktion auf diese entsubjektivierenden Effekte, als eine „Affirmation des Selbst“, um _„zu zeigen, „dass man reagieren kann“ _(165).

Schon in ihrer Dissertation über die Intersektion von Kolonialismus, Heteronormativität und Medizinpolitik verortet sich Dorlin ganz in einem solchen poststrukturellen Diskurs, jedoch stets mit einem eher praktischen Schwerpunkt. Und so trägt auch se défendre einen sehr lesbaren Charakter, der Selbstverteidigung als evidenten Teil einer fortschrittlichen politischen Praxis einfordert.

Von Dorlins eigener, systematischer Leseleistung zeugt auch der sich auf 80 Seiten erstreckende, wertvolle Apparat aus Anmerkungen, Nachweisen und weiterführenden Gedanken, in dem sich noch viele interessante Details und Kurzzusammenfassungen verstecken. Insgesamt ein wichtiger Beitrag zur Kontinuität der Bewegungsgeschichtsschreibung, nach der man vielleicht noch nicht gelernt hat zu kämpfen, mit der man aber unzweifelhaft „verlernt, nicht zu kämpfen“ (216).

Florian Geissler, Karl Marx Buchhandlung, Frankfurt