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Opus 77

Autor
Ragougneau, Alexis

Opus 77

Untertitel
Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Große
Beschreibung

Eine Musikerfamilie: Ein berühmter, egozentrischer Dirigenten-Vater, eine talentierte Mutter, deren Sängerkarriere zwischen Mann und Kindern steckenbleibt, David, der introvertierte, in seiner Rebellion implodierende Sohn, und Tochter Ariane, eine kühle Schöne und brillante Pianistin, Erzählerin dieser Geschichte. Opus 77 ist ein rasant erzählter Roman über eine völlig dysfunktionale Familie, das Musikbusiness und den Preis, den man zahlen muss, wenn man zur Spitze zählen will.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Unionsverlag. 2022
Seiten
224
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-293-00580-8
Preis
22,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Alexis Ragougneau (*1973) studierte zunächst Betriebswirtschaftslehre, bevor er sich dem Theater zuwandte und eine Schauspielausbildung absolvierte. Bis 2013 war er als Schauspieler, Regisseur und vor allem als Dramatiker tätig, seine Theaterstücke wurden in Frankreich, Belgien und der Schweiz aufgeführt. 2014 gab er sein Romandebüt. Für seinen Roman Opus 77 wurde er mit dem Prix Libraires en Seine und dem Prix de l’Union Interalliée ausgezeichnet und stand u. a. auf der Shortlist des Prix Femina und des Prix Goncourt.

Zum Buch:

Es beginnt mit einer Beerdigung: Der berühmte Chefdirigent des Orchestre de la Suisse Romande ist gestorben. In der Friedhofshalle sitzt seine Tochter, eine international gefeierte Pianistin, an einem Flügel. Die Trauergäste und der Priester warten gebannt, und dann beginnt sie zu spielen – keine Bach-Partita, keinen Trauermarsch sondern den Klavierauszug von Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1, Opus 77, eine der größten Herausforderungen für Geigenvirtuosen überhaupt. Das Stück, in dem das gesamte Drama einer genialen, völlig dysfunktionalen Musikerfamilie kulminiert.

Der Vater – von der Erzählerin zumeist nur Claessens genannt – ist ein egomaner Dirigentendarsteller, der in jüngeren Jahren krankheitshalber den Konzertflügel mit dem Dirigentenstab vertauschen musste und seine Position als erfolgreicher Orchesterchef zelebriert. Seine zwanzig Jahre jüngere Frau Yaël war, als er sie in Israel kennenlernte, eine vielversprechende Nachwuchs-Sopranistin an der Schwelle zu den ersten ernsthaften Engagements. Ihre Karriere ist bereits in den Anfängen zwischen Mann und Kindern steckengeblieben, und sie hat sich aus dem Leben völlig zurückgezogen. Tochter Ariane, eine kühle Schöne, hat es mit perfekter Selbstkontrolle in die eisigen Höhen des internationalen Pianistenzirkus geschafft. Und dann ist da noch David, ihr älterer Bruder, der sich im Alter von sechs Jahren für die Geige entschieden hat. Er ist hochbegabt, introvertiert und völlig desinteressiert an seiner Wirkung

Das Buch wird von Ariane erzählt, die mit sezierendem Blick, der sich auch selbst nicht schont, die – zugefügten und erlittenen – Verletzungen und deren Folgen in der Familie bloßlegt. Den gnadenlosen Egozentrismus des Vaters, von dem Ariane sich fragt, welche innere Leere er damit überspielen will. Den Zusammenbruch der Mutter, der vom Vater mit fadenscheinigen Begründungen wegrationalisiert wird, ihre eigene Kälte, die zwar hilft, Erfolge zu erringen, dies aber um den Preis der völligen Kontrolliertheit. Den permanenten Druck des perfektionistischen Vaters – dessen einzige Worte beim Vorspiel seit Davids Kindheit nur „noch einmal“ waren –, dem David sich durch selbstzerstörerische Verweigerungen entzieht.

Das im Zentrum der Handlung stehende erste Violinkonzert Schostakowitschs, das titelgebende Opus 77, ist ein über vier Sätze gehender Kampf zwischen Orchester und Violine und verlangt vom Solisten sowohl höchste technische Perfektion als auch physische Ausdauer. Dieses Werk ist Sinnbild für das Verhältnis zwischen Vater und Sohn, es ist das Stück, an dem der Sohn zerbrechen wird und das den Vater vernichtet.

Der französische Autor Alexis Ragougneau, von dem bisher auf Deutsch nur zwei seiner “Pater-Kern” Krimis erschienen sind, scheint ein profunder Musikkenner zu sein. Mitreißend beschreibt er Geigen- und Klavierstücke und die Techniken, die es braucht, um diese Instrumente zu spielen, sowie den gnadenlosen Musikbetrieb, der von den Interpreten neben höchster technischer Perfektion zusätzlich Charisma und willige Verfügbarkeit für das Marketing verlangt.

Opus 77 ist ein rasant erzählter Roman, den man gar nicht mehr aus der Hand legen und am liebsten in einem Atemzug lesen möchte. Dass manches etwas klischeehaft geraten ist, lassen die komplexe Handlung, die einfühlsame Personenschilderung und die elegante Sprache des Autors schnell vergessen.

Ruth Roebke, Frankfurt a. M.