Zum Buch:
Hjoggböle, ein Dorf, irgendwo im nördlichen Schweden. Dort wächst Per Ola (wie der eigentliche Vorname lautete) Enquist bei seiner strenggläubigen Mutter auf. Er ist der zweite Sohn, der erste ist kurz nach der Geburt gestorben. Auch dieser hieß Per Ola und der Überlebende Erzähler fragt sich häufig, ob er nicht vertauscht ist, der Falsche, der eigentlich Gestorbene. Aber darüber kann er mit der Mutter nicht sprechen. Die ist Volksschullehrerin in dem Dorf, achtet darauf, dass der Sohn ein braves Leben führt und Jesus liebt. Lehrer soll er einmal werden oder Pastor. Nichts deutet darauf hin, dass dieses Kind einmal ein erfolgreicher Hochspringer wird, später Schriftsteller und ganz bestimmt nicht in Hjoggböle bleiben wird.
Enquist studiert in Uppsala, beginnt journalistisch zu arbeiten. Reist viel, erlebt viel. Ist in Israel. In Berlin zur Zeit der
RAF, erlebt als Reporter die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München. Beginnt Romane zu schreiben, später Theaterstücke, hat mit beidem Erfolg. Arbeitet mit Ingmar Bergmann und dessen Schauspieltruppe zusammen, reüssiert im Ausland. Heiratet, bekommt ein Kind. Alles könnte nun auf der Erfolgsspur geschmeidig weitergleiten. Aber es kommt anders.
Es passiert das, was in den Augen der Mutter das Schlimmste war: Er gerät “in den Alkohol”. Enquist wird abhängig. Mit unglaublicher Zielstrebigkeit säuft er sich an den Rand des Todes. Mehrfach. Seine zweite Frau, die sich nicht zu helfen weiß, bringt ihn mit seinem Einverständnis in eine Entzugsklinik, die noch sektenhafter funktioniert, als es das Elternhaus war. Er flieht. Trinkt weiter, macht weitere Entzüge, bricht wieder aus
Bis ein Wendepunkt kommt. Wieder ist er in einer Klinik. Diesmal lässt man ihm seinen Laptop und irgendwann beginnt er wieder zu arbeiten. Schreibt sich mit “Kapitän Nemos Bibliothek” ins Leben zurück, erschafft sich neu. Wird clean, bleibt es bis heute.
Ein Leitsatz durchzieht dieses Buch: “Wenn alles so gut ging, wie konnte es dann so schlimm werden?” Enquist ist nicht der allwissende Erzähler seines Lebens. Die Fremdheit der Kindheit bleibt ihm. Aus dem distanzierten Blick in der dritten Person erwächst ein ruhiger, nüchterner, fast mitleidloser Blick auf sich selbst und die Geschehnisse. Das ist, besonders in den Kindheitsschilderungen, teilweise unglaublich komisch und verquer. All die Ereignisse, die geschehen, die Personen, die er trifft, die Dinge, die er tut – Enquist blickt darauf, wie auf “Ein anderes Leben”. Das Sprechen von sich als “er” und nicht als “ich” hält auch den Leser auf Distanz. Nie bekommt er das Gefühl, sich im angeblich wahren Leben des Autors auszukennen. Alles kann so gewesen sein – aber Enquist lässt auch keinen Zweifel daran, dass alles Erinnerte auch nur erzählte Geschichte ist. Das ist unbedingt lesenswert. Auch für Leser, die seine Romane bisher nicht kennen.
Ruth Roebke, Autorenbuchhandlung Marx & Co., Frankfurt