Empfehlung von
Alena Heinritz, Insbruck
Julia Deck
Winterdreieck
Roman. Aus dem Französischen von Antje Peter
Mademoiselle, die Protagonistin in Julia Decks Roman „Winterdreieck“, hat nichts – noch nicht einmal einen Namen. À la Gantenbein beschließt sie, ihr Name sei Bérénice Beaurivage. Eine Romanschriftstellerin will sie sein, genauso wie die Figur Bérénice Beaurivage in Éric Rohmers Film „L‘Arbre, le maire et la médiathèque“. Arielle Dombasle, die Bérénice in Rohmers Film verkörpert, sieht ihr darüber hinaus auch noch unwahrscheinlich ähnlich. So versucht sie sich aus ihrem Leben zwischen Zeitarbeit, Arbeitsamt und den Männern, auf deren Geld sie angewiesen ist, zu träumen.
Ein Glanz zu werden ist nicht einfach. Das weiß Decks Mademoiselle genauso wie schon Keuns kunstseidenes Mädchen. Keine Arbeitsstelle behält sie lange. Wenn sie Glück hat, übernimmt ein Mann ihre Rechnung in der Bar. Jetzt, als die Romanschriftstellerin Bérénice Beaurivage, lässt sie ihre Wohnung und ihre Schulden in Le Havre zurück und reist, ausgestattet mit den notwendigen Accessoires einer Autorin, nach Saint-Nazaire. Dort lernt sie den Inspektor kennen. Auch er hat keinen Namen, aber sonst einiges zu bieten: eine gutbezahlte Arbeit im Schiffsbau, gutes Aussehen, Weltläufigkeit. Kunstseidene Kleider bekommt Mademoiselle aus einem H&M-Lager, nachdem sie sie sich bei einem Aufseher erarbeitet hat.
Die vermeintliche Romanschriftstellerin Bérénice lässt sich von dem Inspektor aushalten und ist eine Zeitlang ein Glanz, immer in dem Bewusstsein, dass es sich nur um eine kurze Unterbrechung ihrer Schwierigkeiten handelt, um einen befristeten Vertrag. Trotzdem lässt sie alles geschehen: genauso wie sie zuvor keine Anstalten machte, ihre Situation langfristig zu verbessern, trifft sie auch in ihrer Beziehung zum Inspektor keine Vorsorge, und natürlich beginnt er, Fragen zu ihrer Vergangenheit und ihrem Schreiben zu stellen. Während er sie trotz seines immer größer werdenden Unbehagens mit nach Marseille und Paris nimmt, lebt sie Tag für Tag ohne Netz und doppelten Boden. Aus ihrer anfänglichen Lethargie, nur kurz unterbrochen durch die Euphorie über ihren Namen, wird allmählich eine Art Schockstarre.
So wenig wie die Zukunft spielt die Vergangenheit eine Rolle für sie: Statt proustsche Erinnerungsbilder heraufziehen zu lassen, kippt sie den Tee in den Topf der Zimmerpflanze und verschlingt die ganze Packung Madeleines. Kann sie nicht oder will sie nicht? Für den Leser bleibt das ganz und gar unklar – und wahrscheinlich wüsste es auch Mademoiselle selbst nicht zu sagen.
Anders als beim kunstseidenen Mädchen wird nicht deutlich, was Mademoiselle eigentlich will. Ist es tatsächlich eine Existenz, ein Name, ein Leben und eine Biografie, um die sie sich bemüht? Die Wirklichkeit ist ihr eine Zumutung, dass aber ihre zunächst euphorisch verfolgte Alternative alles kaum besser macht und sich als sinnloses Zeichen, die keiner deuten kann, herausstellt, hinterlässt ein Gefühl von tiefer Trostlosigkeit. Diese Ausweglosigkeit vermittelt in besonderer Weise die genial konstruierte formale Struktur des Romans. Alles zusammen überrascht und erschreckt.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Wagenbach Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2016
- ISBN/EAN
- 978-3-8031-3276-5
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 144
- Preis
- 20,00 €
- Status
- vom Verlag als vergriffen gemeldet
Zur Autorin / Zum Autor
Julia Deck, geboren 1974 in Paris, studierte Literatur an der Sorbonne, unterrichtete Französisch und absolvierte eine Journalistenschule. Sie arbeitet heute als Redaktionsassistentin bei dem Branchenmagazin Livres Hebdo.