Empfehlung von
Alena Heinritz, Insbruck
Albena Dimitrova
Wiedersehen in Paris
Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis
Die Geschichte, die Albena Dimitrova in ihrem Roman „Wiedersehen in Paris“ erzählt, spielt in Bulgarien in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, in denen die Zerfallserscheinungen des sozialistischen Systems überall sichtbar werden. Ganz ähnlich wie die Ich-Erzählerin Alba wurde auch die Autorin 1969 geboren und kam Ende der 1980er Jahre aus Bulgarien nach Frankreich. Dimitrova studierte Wirtschaftswissenschaften und schreibt auf Französisch.
Knapp 17 Jahre alt ist Alba als sie im Regierungskrankenhaus, wo sie wegen ihres gelähmten Beins behandelt wird, den beinahe 40 Jahre älteren Guéo kennenlernt, einen Apparatschik aus dem Politbüro. Er ist dort, um sich mit Hilfe von Elektroschocks seines Gedächtnisses zu entledigen. Sie verstehen sich auf Anhieb, Guéo versucht zunächst, die große Anziehung zwischen ihnen als Freundschaft zu interpretieren, und verkuppelt Alba mit seinem Sohn Christo. Die Beziehung zwischen Alba und Christo aber scheitert, und Alba und Guéo beginnen, ihre Liebe auszuleben, trotz der Gefahren, denen sie sich dadurch aussetzen, denn der Geheimdienst folgt ihnen auf Schritt und Tritt.
Guéo erwirkt ihre Überweisung in ein Kader-Sanatorium, damit sie dort zusammen sein können. In diesem Sanatorium wird Alba Zeugin politischer Diskussionen unter Angehörigen der Regierung. Da ist zum Beispiel Colombe Blanche, leitende Angestellte in der Kommunikationsabteilung des Politbüros, die im Sanatorium wegen ihrer Migräne behandelt wird. Sie diskutiert mit Guéo über die Zerfallserscheinungen der sozialistischen Regierung. Als es in Bulgarien zeitweise einen Überfluss an exotischen Früchten gibt, rät ihr Guéo in betrunkener Ausgelassenheit, der Bevölkerung den Grund für diese paradiesischen Zustände zu nennen und damit die menschlichen Züge der Regierungsleute herauszustellen: Fidel Castro hatte sich in eine bulgarische Sängerin verliebt und zeigt seine Gunst dem ganzen Land.
Tatsächlich aber liegt Guéo die Zukunft seines Landes ernsthaft am Herzen. Er arbeitet an einem Gutachten für das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei über die wirtschaftliche Lage Bulgariens und an einem Vorschlag zur Rettung des sozialistischen Systems. Das Gutachten selbst bildet den Anhang des Romans. In den privaten Interessen der Regierenden sieht Guéo die wahre Krise der bulgarischen Wirtschaft, und natürlich stellt das Gutachten deshalb ein großes Risiko für ihn dar.
Alba indessen beschäftigt sich begeistert mit Mathematik und entdeckt ihre Liebe zur französischen Sprache. In Paris dann lernt sie fieberhaft französisch, um – wie versprochen – nach seiner Rückkehr mit Guéo auf französisch dinieren zu können (der französische Originaltitel des Romans lautet „Nous dînerons en français“).
Ein bisschen erinnert Dimitrovas Duktus und ihre jugendlich-trotzige Protagonistin Alba zunächst an Albertine Sarrazins „Astragalus“. Mit dem Blick auf den älteren Funktionär Guéo aber erweitert sich die Perspektive auf zwei ganz unterschiedliche Leben vor dem Hintergrund des verfallenden sozialistischen Systems. Sie begegnen und lieben sich; der Niedergang des Systems aber geht für beide mit einer ganz unterschiedlichen biografischen Wende einher.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Wagenbach Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2016
- ISBN/EAN
- 978-3-8031-3277-2
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 192
- Preis
- 19,90 €
- Status
- vom Verlag als vergriffen gemeldet
Zur Autorin / Zum Autor
Albena Dimitrova, 1969 in Sofia (Bulgarien) geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und forschte über die Risiken der Privatisierung und über Korruption in den Ostblockländern. Seit Ende der achtziger Jahre lebt sie in Paris und arbeitet seit 2006 als Schriftstellerin, Festivalleiterin und Dramaturgin. Wiedersehen in Paris ist ihr erster Roman.