Empfehlung von
Alena Heinritz, Insbruck
Bianca Bellová
Toter Mann
Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch
Nein, Erzählen ist im Grunde nicht harmlos. Kein behagliches Beisammensein am warmen Ofen, kein Tee, kein Kerzenschein. Bei Scheherazade ging es ums Leben, bei Bellová vielleicht um mehr. Gleich zu Anfang wird in Bianca Bellovás Roman „Toter Mann“ alle scheinbare Gemütlichkeit des Erzählens als grausame Rache entlarvt. Selbstbewusst und trotzig tritt die Erzählerin Hanna ihrem Zuhörer entgegen. Sie ist fest entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen und damit die Fäden in die Hand zu nehmen. Streng ermahnt sie ihren Zuhörer immer wieder zu Aufmerksamkeit: „Weich mir wenigstens nicht immer mit dem Blick aus.“
Nicht aber dem Leser erzählt sie ihre Geschichte, so erfahren wir, sondern einem ehemaligen Liebhaber, der sie schlecht behandelt hat. Diesem aber legt sie nicht nur alle Kränkungen, die sie durch ihn erfahren hat, sondern auch sich selbst und ihre Familiengeschichte vor: „Seelenstriptease“ nennt es die Erzählerin. Es ist, als führe sie mit dem Masochismus ihrer Enthüllungen die sadomasochistischen sexuellen Praktiken fort, die ihr Liebhaber einst von ihr forderte und die ihn später – auf sehr skurrile Weise – zur Strecke gebracht haben.
Dass sie sich beim Erzählen hemmungslos ihrer Subjektivität hingibt und allein ihre eigene Deutungshoheit gelten lässt, räumt sie gleich zu Anfang ein: „Ich weiß, ich lass mich von meiner eigenen Vorstellungskraft hinreißen…, ich pfropfe Bedeutungen aufeinander, stelle Parallelen her, die keiner außer mir verstehen kann… Ich bin keine Scheherazade. Ich bin weder schön noch weise.“ So berichtet sie auf ihre Weise von ihrer Kindheit in der Tschechoslowakei der 1970er und 80er Jahre, also zur Zeit der sogenannten „Normalisierung“ nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, in der das Regime sich in allen Bereichen um eine Wiederherstellung des Zustandes vor den Reformversuchen bemühte. Zwangsläufig wird ihre Familiengeschichte zu Zeitgeschichte, denn bereits ihr Großvater wurde als Dissident erschossen. Die Politik durchdringt alles, bis hin zu den Spielen der Kinder auf dem Schulhof.
Aber auch ohne die Einwirkungen der repressiven Politik auf das alltägliche Leben ist Hannas Kindheit nicht einfach. Die Mutter kichert lieber mit Liebhabern, als sich um ihre kranken Kinder im Nebenzimmer zu kümmern; der Vater, immer schon verschlossen und unzugänglich, verlässt nach seinem Coming-out die Familie. Einziger Halt ist den Kindern die Großmutter, zupackend, praktisch, alltagsweise. Sie jedoch wird dement und stirbt. Als Erwachsene werden in Hanna die Erlebnisse ihrer Kindheit lebendig, wenn sie ihre Mutter besucht, die nach einem Nervenzusammenbruch in einer Klinik behandelt wird. In kratziger Umgangssprache stößt sie ihre Erinnerungen in Szenen an die Oberfläche, die nach und nach einen Zusammenhang bilden. Erstaunlicherweise entstehen dadurch zuweilen sogar zarte Bilder.
In ihrer Kindheit retten Hanna und ihr Zwillingsbruder David sich gegenseitig. Sie ziehen sich zurück und malen der Gegenwart Fantasiewesen entgegen, die sie aber sorgsam hinter einer Schrankwand verstecken. Mit dem Erwachsen werden aber verlieren sowohl Fantasiewesen als auch Geschwisternähe ihren Zauber. Die Entfremdung, die zwischen den Zwillingen eintritt, wird durch die Schizophrenie Davids noch verstärkt. Ganz allein ist sie also mit ihren Erinnerungen, sie hat keine Vertrauten, mit denen sie sie teilen könnte. Also schleudert Hanna sie aggressiv von sich und dem Mann entgegen, den sie liebt und an dem sie sich rächen will. Die Erzählung ist alles, was sie hat, die aber ist voller Kraft und zeugt von dem festen Willen der Erzählerin, nicht wie die anderen einfach zu verschwinden.
- Verlag
- Braumüller Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 9783992001101
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 180
- Preis
- 18,90 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Bianca Bellová wurde 1970 in Prag geboren, wo sie auch ihr Studium an der Wirtschaftshochschule absolvierte. Nachdem sie für verschiedene internationale Gesellschaften und Zeitschriften tätig war, arbeitet sie momentan als Dolmetscherin und Übersetzerin für Englisch und lebt mit ihrer Familie in Prag.