Petra Bonavita
Mit falschem Pass und Zyankali
Retter und Gerettete aus Frankfurt am Main in der NS-Zeit
Die Geschichtswissenschaft widmete sich vor allem und zu Recht der Geschichte der Opfer und der Täter während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Geschichte der Retter und der Geretteten trat dagegen zurück. Die Soziologin Petra Bonavita holt das Vergessene nach und würdigt in ihrer hervorragenden Studie die Frankfurter und Schweizer Retter sowie die Geretteten. Nach der letzten der großen Deportationswellen 1942/43 lebten in Frankfurt noch ungefähr 800 Juden, die meisten davon waren Mischehepartner und deren Kinder. Sie lebten in der ständigen Angst, verhaftet zu werden. Besonders schwierig war die Versorgung mit Lebensmitteln, wozu man Lebensmittelkarten brauchte, was wiederum den Besitz gültiger Papiere voraussetzte. Vielen blieb nur das Untertauchen.
Im Frankfurter Stadtteil Bockenheim bildete sich Ende der dreißiger Jahre ein Fluchthelfernetzwerk. Daran beteiligt waren das Arztehepaar Margarete und Fritz Kahl, der Pfarrer Otto Fricke und sein Vikar Heinz Welke, der Kriminalpolizist Wilhelm Gentemann, der Schlosser Karl Münch, der sich auf härtere Dinge als das Einbrechen in Behördenbüros zur Beschaffung von Ausweisen verstand, sowie ein namenloser Grafiker, der sich auf das Fälschen von Papieren spezialisierte. Die Bockenheimer Retter hatten Kontakt zu dem in Genf lebenden Pfarrer Adolf Freudenberg. Er verfügte über Geld aus dem Schweizerischen evangelischen Hilfswerk für die bekennende Kirche in Deutschland. Zu den Rettern gehörten auch der Theologe Karl Barth und Luise Wetter, die Tochter des ehemaligen Bundesrates.
Exemplarisch ist der Fall von Robert Eisenstädt und seiner Verlobten Eva Müller alias Tilla Glässing. Ihm war die Flucht aus dem KZ Majdanek gelungen. Er schlug sich nach Frankfurt durch und fand medizinische Hilfe bei Fritz Kahl. Das Bockenheimer Netzwerk organisierte die Flucht über Singen nach Schaffhausen.
Petra Bonavita hat die Steinchen, die sich schließlich zu einem Mosaik zusammenfügen, in mühsamer, jahrelanger Kleinarbeit gesammelt. Die Autorin hat die Retter in Frankfurt und ihre Helfer in der Schweiz in die Erinnerung zurückgeholt. Dafür gebührt ihr Dank.
Rudolf Walther, Frankfurt am Main
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Schmetterling Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2009
- ISBN/EAN
- 978-3-89657-135-9
- Format
- Einband - flex.(Paperback)
- Seiten
- 192
- Preis
- 19,80 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Petra Bonavita, geboren 1950 in Hannover, Soziologin und Autorin. Zahlreiche Veröffentlichungen z.B. zu den Themenbereichen «Widerstnad von Frauen gegen die Mafia» und «Jüdisches Leben in Frankfurt». Seit mehreren jahren arbeitet sie als ehrenamtliches Mitglied der «Initiative 9. November e.V.» in Frankfurt/Main, die am Ort einer 1938 in Brand gesteckten Synagoge im Frankfurter Ostend eine Gedenk-, Erinnerungs- und Begegnungsstätte errichten will.