Empfehlung von
Brigitte Hort, Eitorf
René Freund
Mein Vater, der Deserteur
Eine Familiengeschichte
„Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ J. W. von Goethe
René Freund hat sich auf die Suche gemacht. Nicht Geld und irdischen Besitztümern ist er auf der Spur, sondern dem Tagebuch seines Vaters, den Aufzeichnungen über dessen Fahnenflucht im August 1944. Die Gründe für die Fahnenflucht im umkämpften Paris will er verstehen. Ihm nahe sein, seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Erlebnissen. Und ja, aufräumen mit den Vorurteilen und Verurteilungen gegenüber den vielen jungen Deserteuren, die beim letzten Kapitel des „Totalen Krieges“, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr mitmachen wollten.
Hierzu macht er sich auf den Weg in das heutige Frankreich, an die Orte, die sein Vater während der Flucht passiert hat, stöbert in Archiven, spricht mit Zeitzeugen. Das Buch, das in Zeitsprüngen – von 1934 über 1944 bis 2010 - erzählt wird, nicht in chronologischer Reihenfolge, ist auch eine Auseinandersetzung mit Tabuisierungen, politischen Ideologien, Familienschicksalen und dem heutigen Umgang mit Geschichte.
Die Flucht vor der Nazi-Fahne ist hier schnell erzählt: Gerhard Freund ist achtzehn, als er zur Wehrmacht eingezogen wird; Mitte August soll seine Einheit an der Schlacht um Paris teilnehmen. Der junge Soldat erlebt die sinnlose Brutalität des Kampfes und desertiert. Er wird von der Résistance festgenommen und von amerikanischen Soldaten vor der Erschießung im Hinterhof gerettet.
Wäre er in die Hände der Deutschen gefallen, wäre er im Schnellverfahren zum Tode verurteilt oder sofort erschossen worden. Und unmittelbar nach dem Krieg? Für sehr viele Menschen waren Deserteure Verräter von Kameraden und Land. Und heute?
„Wir sind so wahnsinnig gut darin, das Verhalten der Menschen „damals“‚ mit unseren moralischen Kriterien von heute zu beurteilen. Und natürlich aus der Sicherheit von heute. Mutig ist das nicht gerade. Es bringt auch nicht viel, weil das moralische Urteil dem Versuch zu verstehen im Wege steht.“ René Freund
Es ist ein sehr persönliches Schicksal, in das René Freund uns blicken lässt. Und gerade deshalb ein bemerkenswertes Buch, das gerade von den Nachkriegsgenerationen gelesen werden sollte. Ich wünsche diesem mutigen Buch, das im Blick nach rückwärts die Gegenwart verstehen will, sehr viele Leser. Überdies ist es Anregung für jeden, seiner eigenen Familiengeschichte und den vergangenen Ereignissen mehr Zeit zu widmen. Das kann nur gut tun.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Zsolnay Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2014
- ISBN/EAN
- 978-3-552-06256-6
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 208
- Preis
- 18,90 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
René Freund, geboren 1967, lebt als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. Er studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Völkerkunde, war 1988 bis 1990 Dramaturg am Theater in der Josefstadt. Bücher (u.a.): „Stadt, Land und danke für das Boot“ (Realsatiren, 2002), „Wechselwirkungen“ (Roman, 2004). Im Deuticke Verlag sind erschienen „Liebe unter Fischen“ (2013) und seine Familiengeschichte „Mein Vater, der Deserteur“.