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Cover: Literaturpolitik im NS-Staat

Jan-Pieter Barbian

Literaturpolitik im NS-Staat

Von der "Gleichschaltung" bis zum Ruin

Bevor Bücher verbrannt, Schriftsteller, Verleger und Buchhändler verfolgt wurden, begann die freiwillige Selbstgleichschaltung des literarischen Betriebs. Nach Drohungen des nationalsozialistischen Kultusministers Bernhard Rust trat Heinrich Mann als Präsident der Sektion Dichtung der Preußischen Akademie der Wissenschaften zwei Wochen nach der Machtübergabe an Hitler am 15. Februar 1933 zurück. Einen Monat später lancierte Gottfried Benn eine Loyalitätserklärung gegenüber dem Regime, die viele Schriftsteller unterzeichneten. Linke und liberale Schriftsteller wurden danach aus der Akademie ausgeschlossen, rechte und rechtsradikale (Will Vesper, Hans Friedrich Blunck, Jakob Schaffner, Ernst Jünger) aufgenommen. Mitglieder des „Nationalsozialistischen Kampfbundes für deutsche Kultur“ säuberten und übernahmen den PEN-Club.

Die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, mit der die Literaturpolitik der Nazis begann, war kein spontaner Akt, sondern wurde während vier Wochen minutiös geplant und in 93 Städten zeitgleich durchgeführt. Schon einen Monat vor der Bücherverbrennung meldete sich der „Börsenverein des deutschen Buchhandels“ mit einem Sofortprogramm zu Wort und verlangte eine „Zwangsorganisation für alle Buchhändler“ sowie ein Bücherverkaufsverbot in Warenhäusern, von denen viele jüdischen Eigentümern gehörten. Der Vorstand des Börsenvereins ging jedoch in seiner Selbstanpassung noch einen Schritt weiter: „In der Judenfrage vertraut sich der Vorstand der Führung der Reichsregierung an.“  Konsequenterweise begrüßte der Börsenverein die Bücherverbrennung. Ein gemeinsamer Arbeitsausschuss aus Börsenverein, Schutzverband deutscher Schriftsteller, Propagandaministerium und Kampfbund für deutsche Kultur legte eine vertrauliche Liste mit Büchern  vor, die aus dem Buchhandel verschwinden sollten.

Der Duisburger Bibliothekar Jan-Pieter Barbian beschreibt in seinem Buch den Prozess der Selbstanpassung und der Gleichschaltung des Litertaturbetriebs nach 1933 in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit auf über 500 Seiten präzis.

Bei der Neuordnung des Buch- und Verlagswesens konkurrierten von 1933 bis 1939 - wie fast überall im chaotischen Gerangel um Macht und Einfluss im nationalsozialistischen Staat - mehrere Institutionen. Von staatlicher Seite kümmerten sich neben dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda von Joseph Goebbels und der von ihm dominierten Reichsschrifttumskammer auch das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, das Auswärtige Amt, die Geheime Staatspolizei, der Sicherheitsdienst  um den Literaturbetrieb. Von der NSDAP her nahmen das Amt Rosenberg, die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutz des NS-Schrifttums sowie - ab 1941 - die Partei-Kanzlei des Führers mit Martin Bormann an der Spitze Einfluss auf die Unterdrückung und Verfolgung des  „unerwünschten und schädlichen Schrifttums“.

Barbians Darstellung ist über weite Strecken eine kenntnisreiche Schilderung der Machtkämpfe unter diesen Institutionen und ihren führenden Köpfen. Eine Bündelung oder gar Vereinigung der Kompetenzbereiche von staatlichen Behörden und Parteiorganen gelang nicht, aber die Schriftumsabteilung innerhalb des Propagandaministeriums blieb im zähen Ringen mit den anderen Behörden so etwas wie der Sieger nach Punkten. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung von Bernhard Rust behielt jedoch die Kontrolle über Schulen, Universitäten und wissenschaftliche Bibliotheken. Innerhalb der von Goebbels persönlich präsidierten Reichskulturkammer gab es sieben Fachkammern, die als Körperschaften  des öffentlichen Rechts die ständischen Berufsverbände organisierten. Die Mitgliedschaft war obligatorisch, und der Ausschluss bedeutete ein Berufsverbot. In der Fachkammer der Schriftsteller (Reichsschrifttumskammer) waren auch Verleger und Buchhändler sowie Bibliothekare organsiert.

1934 gab es in der Reichsschrifttumskammer noch 428 jüdische Schriftsteller, ein Jahr später nur noch fünf. Die Ausgeschlossenen hatten Publikationsverbot. Die Kontrolle und Sanktionierung der jüdischen Buchhändler und Verleger gestaltete sich schwieriger, denn sie konnten nur durch eine Arisierung ihrer Betriebe abgelöst werden. Das zog sich in einzelnen Fällen bis zum Kriegsbeginn hin. Die Verlage litten nicht nur unter dem Berufsverbot ihrer jüdischen Autoren, sondern zunehmend auch unter der Papierknappheit. Ab 1941 gab es eine rigide Rohstoffrationierung, die die Verlage ausblutete. Obendrein sollte 1944  die Hälfte der 30 000 im Buchhandel tätigen Männer  der Wehrmacht oder der Rüstungsindustrie zur Verfügung stehen. In diesem Jahr wurden 1902 Verlage geschlossen. Viele Verlage - zum Beispiel Insel, Reclam und Bertelsmann - retteten sich über die Runden, indem sie den von der Wehrmacht erwünschten Frontbuchhandel mit billigen Lizenzausgaben belieferten, mit denen sie Millionen verdienten.

Barbians materialreiche Studie gibt einen umfassenden Überblick über das gesamte Literatur-, Buchhandels- und Verlagswesen und bildet so etwas wie ein Handbuch für diesen Bereich, an dem nicht vorbeikommt, wer sich über die Funktionsweise der „Mediendiktatur“ informieren will.

Rudolf Walther, Frankfurt am Main

 

 

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Fischer Taschenbuch Verlag
Erscheinungsdatum
2010
ISBN/EAN
978-3-596-16306-9
Format
Einband - flex.(Paperback)
Seiten
560
Preis
25,00 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Jan-Pieter Barbian, geb. 1958, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Seit 1999 ist er Direktor der Stadtbibliothek Duisburg. Verfasser des Standardwerkes »Literaturpolitik im ›Dritten Reich‹« (bei dtv 1993/95, seit 1998 vergriffen). Seitdem hat er zahllose Aufsätze zu buchwissenschaftlichen Themen verfasst, von denen 2008 einige in »Die vollendete Ohnmacht. Schriftsteller, Verleger und Buchhändler im NS-Staat« versammelt sind. Barbian gilt als einer der besten Kenner der Materie.Stadtbibliothek Duisburg. Er gilt als einer der ganz wenigen Kenner des Forschungsfeldes.