Empfehlung von
Sidonia Blättler, Frankfurt am Main
Lukas Bärfuss
Königin der Nacht
Ein kurzes Buch über meine Mutter. Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2026
Die schonungslose Auseinandersetzung mit seiner Mutter ist kein Roman, sondern, wie Lukas Bärfuss im Untertitel festhält, „ein kurzes Buch“ über seine Mutter. Es erzählt allerdings mehr als die Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die keine Mutter sein wollte und sich um ihren Sohn nie wirklich gekümmert hat. Der schmale Band besteht aus drei sowohl thematisch wie sprachlich ganz unterschiedlichen Teilen, die sich wechselseitig beleuchten.
Der erste Teil beginnt mit der Ankunft des Sohnes in Santo Domingo wenige Tage, nachdem ihn in Zürich die Nachricht vom Tod seiner Mutter erreicht hat. Er trifft in der kleinen, ordentlichen Wohnung auf seinen Stiefvater sowie auf einen rosa Bankauszug mit dem aktuellen Kontostand. Damit ist ein Hauptthema dieses Lebens und des Buches gesetzt: Armut und Menschen, die arm sind im reichsten Land oder, je nach Berechnung, einem der reichsten Länder der Welt. Von hier aus führt der Text zurück zur letzten Begegnung mit der Mutter vor 15 Jahren, als er sie zum ersten und einzigen Mal in Santo Domingo besucht hatte. Sie lebte dort, weil sie sich das Leben in der Schweiz nicht mehr leisten konnte. Er war damals 31 Jahre alt und inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller, sehnte sich nach einem Gespräch über ihre gescheiterte Beziehung, wollte erfahren, warum „sie ihn verlassen und verkauft hatte“. Die Begegnung verlief desaströs. Die Mutter, die ihrem Sohn etwas bieten wollte – mit einer Fahrt ans Meer, mit Chicas und einem Besuch im Club Suizo –, startete eine Inszenierung nach der anderen: rassistisch, herablassend, vulgär, aggressiv, unerträglich. Ein Gespräch war unmöglich. All das wird in einem distanziert-fließenden Erzählton berichtet.
Der zweite Teil, chronologisch gegliedert, setzt mit ersten Erinnerungssplittern ein. Es folgen Szenen aus seinem Leben mit der namenlosen Mutter, für die der Junge ein lästiges Anhängsel ist. Der Text wirkt fragmentiert, löchrig, ohne Erzähllinie. Und das ist stimmig, weil diese Szenen keiner Bahn folgen, es für diese Leben keinen Lebensweg gibt, sondern nur Sackgassen, Aufbrüche und Abstürze. Die einzelnen, meist kurzen Erinnerungsstücke zeichnen, sprachlich präzise, eindrückliche Bilder von Leere, Einsamkeit und Verwahrlosung. Die Sprache ist hart, derb, vulgär, nur manchmal zärtlich, suchend und poetisch. Die einzelnen Episoden beschreiben die Mutter als rechtlose Arbeiterin am Rande der Gesellschaft und als eine Frau, die nachts selbstbestimmt ihre Sexualität auslebt, um ihre starke sexuelle Anziehungskraft weiß und sie nutzt. Am Abend verwandelt sie sich in die „Königin der Nacht“ die der Junge staunend bewundert. Die Leute zerreißen sich den Mund: Sie ist eine, die „vögelt“, kein Wunder, ist sie doch das Kind eines „Zigeuners“.
Zum Leben erwacht der Junge, als er von seinem verstorbenen Nachbarn ein dreißigbändiges Lexikon erbt. Von nun an liest und liest er, ohne Konzept und ohne Anleitung, eignet sich ein enormes Sammelsurium von Wissen an, das sich nicht ordnet und ordnen lässt. Ansonsten lebt er auf der Straße, ohne ein Gefühl für sich selbst, gefährlich und gefährdet. Eine höhere Schule ist für Kinder seiner Herkunft nicht vorgesehen. Um die Zeit zwischen Schule und Arbeitsleben zu überbrücken, soll er auf einem Bauernhof ein sogenanntes Welschlandjahr ohne Schulbesuch absolvieren. Der Junge ist „verkauft“. Er beginnt, auf eigene Faust zu lernen und sich auf eine Aufnahmeprüfung vorzubereiten. Seine Verzweiflung ist groß, weil er nicht weiß, was und wie er lernen soll. Sein Wissen ist ungeordnet, er kennt die Fragen und das Denken nicht, wie es in den Bildungseinrichtungen geformt wird. Mit schneidendem Sarkasmus beschreibt Bärfuss die Ideologie der Chancengleichheit.
Ohne jede Vorwarnung verabschiedet sich die Mutter aus dem Leben des 15-Jährigen. Rechtlich noch an die Mutter gebunden, beginnt er, sich auf der Straße durchzuschlagen. Das Wichtigste ist, nicht in die Fänge des Jugendamtes zu geraten und in ein Heim gesteckt zu werden. Er weiß, dass er aufgrund seiner Familiengeschichte alle Vorurteile erfüllt, die ihn zum Asozialen stempeln. Freunde und Halbbruder gehen an Drogen und an den Institutionen zugrunde. Er überlebt.
Der dritte Teil ist im Kern ein von Furor angetriebener historisch-gesellschaftskritischer Essay über das schweizerische Sozialwesen und den helvetischen Rassismus, insbesondere die eugenischen Programme gegen Fahrende –„Heimatlose„ und „Vaganten“ –, gegen minderjährige und uneheliche Mütter sowie sexuell unangepasste Frauen. Die Grausamkeit der Mutter, die ohne Frage grausam bleibt, ist nicht allein individuell verantwortet. Indem Bärfuss ihr Leben in eine Sozialfigur mit einer spezifischen Sozialgeschichte überführt, manifestiert sich in ihr auch die unbarmherzige rassistische Klassengesellschaft eines Landes der sozialen Kälte und der bürgerlichen Heuchelei. Gerahmt wird dieser Teil von persönlichen Erinnerungen und Reflexionen über sich und seine Mutter. Ganz zum Schluss des Buches lenkt der Autor den Blick auf eine bisher gänzlich unbekannte Frau: seine Mutter, die eine kurze Zeit lang Aquarelle malte und diese Aquarelle mit ihrem Namen signierte. Die letzte Zeile nennt dann ihren Namen.
Sidonia Blättler, Frankfurt am Main
- Verlag
- Rowohlt
- Erscheinungsdatum
- 15.05.2026
- ISBN/EAN
- 978-3-498-00321-0
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 128
- Preis
- 22,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romanautor, Publizist und öffentlicher Intellektueller. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet er als Theaterregisseur und Moderator von Gesprächsreihen. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Werke wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so u. a. mit dem Berliner Literaturpreis (2013), dem Schweizer Buchpreis (2014) und dem Georg-Büchner-Preis (2019).