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Cover: Italien retten

Empfehlung von
Michaela Wunderle, Frankfurt am Main

Paul Ginsborg

Italien retten

Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß

Mit zynischen Kommentaren reagierten seine Freunde, als der britische Historiker Paul Ginsborg 2009 italienischer Staatsbürger wurde. Sie empfanden es als Schande, Italiener zu sein. Und das, schreibt Ginsborg, sei Ausdruck einer „großen Traurigkeit über den gegenwärtigen Zustand des Landes“ und einer „tiefen Resignation“ zugleich. Als ein „Gegengift“ möchte der Historiker seinen Essay für die Rettung Italiens verstanden wissen. Wer das heutige Italien begreifen möchte, sollte ihn unbedingt lesen.

Der Neuitaliener Ginsborg, der seit bald 20 Jahren zeitgenössische europäische Geschichte in Florenz lehrt, lässt keinen Zweifel am Niedergang seiner Wahlheimat. Deren Grundfesten liberaler und demokratischer Rechtsstaatlichkeit halten zwar - noch - stand. Doch unter Berlusconi werde die Demokratie inzwischen nur noch formal akzeptiert, konstatiert Ginsborg. Rechtspopulistische Politik- und Staatsverachtung seien an der Tagesordnung, demokratische Institutionen wie die Justiz durch den schweren Dauerbeschuss des Ministerpräsidenten beschädigt. Sein Fazit: Die Erneuerung der politischen Moral, wie sie nach den Aktionen der Justiz zu Beginn der 1990 Jahre möglich schien, fand nicht statt. Staatsbürgerliche Tugenden genießen immer weniger Ansehen. Stattdessen dominiert die populistische Verachtung des Staates. Die öffentliche Moral ist auf ihrem Tiefpunkt angelangt. Dank der von der politischen Elite geförderten „Kultur der Illegalität“ dominieren Italiens endemische Übel wie Klientelismus, Korruption und andere Formen der Illegalität. Beklagenswert das vom allgegenwärtigen Berlusconi-Fernsehen beförderte neoliberale Modell des Konsumismus und sozialen Egoismus', aus dem der Gedanke des Gemeinwohls völlig verschwunden ist.

Italien begeht 2011 den 150. Geburtstag seiner politischen Einigung, doch es ist zerrissener denn je, auch die Idee der vom Risorgimento so beharrlich erkämpften Nation bedarf der Erneuerung. Umso interessanter, dass Paul Ginsborg sein „Gegengift“ historisch grundiert hat. Seine - überaus leichthändig - Reflexionen beziehen Schriften nahezu vergessener Streiter des Risorgimento mit ein. Es ist erhellend, Probleme des heutigen Italien auch mit den Augen eines Theoretikers wie Carlo Cattaneo zu sehen, der die kommunale Selbstverwaltung stärken wollte – eine der positiven politischen Traditionen Italiens, die Ginsborg erinnert. Und gleichsam nebenbei vermittelt er die Grundzüge des Risorgimento.
Anders, als wir in Deutschland meinen könnten, herrscht der Berlusconismus nicht unangefochten. Ginsborg weist darauf hin, dass es der demokratischen Opposition inner- und außerhalb der Parteien und in der Justiz immerhin gelang, die Veränderung der Verfassung von 1948 zu verhindern, ebenso wie den gesetzlichen Maulkorb, mit dem der Ministerpräsident die noch verbliebene unabhängige Presse mundtot machen wollte. Der Historiker setzt seine Hoffnung auf die Zivilgesellschaft, und tatsächlich beweisen Studenten, Frauen und die face-book-Bewegung Popolo Viola immer wieder ein eindrucksvolles Mobilisierungspotential. Ihnen empfiehlt Paul Ginsborg mit Rekurs auf Carlo Cattaneo einen „sanften Patriotismus“, und man möchte wünschen, dass Italien damit zu retten ist.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Wagenbach Verlag
Erscheinungsdatum
2011
ISBN/EAN
978-3-8031-2655-9
Format
Einband - flex.(Paperback)
Seiten
128
Preis
10,90 €
Status
vom Verlag als vergriffen gemeldet

Zur Autorin / Zum Autor

Paul Ginsborg, geboren 1945 in England, ist Fellow des Churchill College in Cambridge, wo er lange Professor am Fachbereich für Sozial- und Politikwissenschaft war. Heute unterrichtet er Zeitgenössische Geschichte Europas an der Universität Florenz. Zu seinen zahlreichen Publikationen zählt u. a. eine große Geschichte der italienischen Gesellschaft und Politik von 1943 bis heute.

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