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Cover: Homer and Langley

E.L. Doctorow

Homer and Langley

Roman. Aus dem Amerikanischen von Gertraude Krueger

Ein guter Freund hat mir dieses Buch empfohlen. Er gab mir noch den Tipp, einmal unter „Collyer-Brüder“ zu googeln und mir die dazugehörigen Bilder anzuschauen. Das tat ich. Und das empfehle ich auch Ihnen – ob vor, während oder nach der Lektüre. Na, vielleicht dann doch besser hinterher, denn dann ist der Ach-du-Sch…-Effekt umso größer. Die wahre Geschichte der beiden Brüder Homer und Langley, auf der der neue Roman E. L. Doctorows beruht, ist eine absurde, eine tragische Geschichte, die man weder so leicht wegsteckt noch so schnell wieder vergisst. Das wahre Leben eben. In Reinform.

Als man die beiden Brüder am 21. März 1947 in ihrem riesigen Stadthaus in West Harlem tot auffand, hatten sich die Polizisten bereits durch zig Tonnen zum Großteil völlig wertloser Gegenstände durchgegraben, darunter mehrere Klaviere, einen auseinandergebaute Ford T, kaputte medizinische Geräte und vor allem Zeitungen. Ganze Berge voll Zeitungen. Homer, der ältere der beiden, war blind und gelähmt, so dass er völlig auf die Hilfe seines Bruders angewiesen war. Der wiederum sammelte – über Jahrzehnte – Zeitungen, und zwar alle, die es in New York zu kaufen gab. Er hatte die Idee, irgendwann die ultimative Zeitung zu erschaffen, die immer aktuell wäre und nur ein einziges Mal gedruckt werden müsste. Er kam nie dazu. Als er an diesem Morgen Homer das Essen bringen wollte, tappte der mittlerweile über Sechzigjährige in eine seiner eigenen Fallen, die er zum Schutz vor Einbrechern überall im Haus installiert hatte, und wurde von Tonnen von Zeitungen erschlagen. Homer verhungerte keine drei Schritte entfernt in seinem Sessel.

Aber E.L. Doctorow wäre nicht einer der größten lebenden Autoren Amerikas, wenn er sich einfach nur damit begnügt hätte, die Geschichte der beiden Collyer-Brüder aufzuschreiben. Er nimmt sich schriftstellerische Freiheiten heraus und verlegt zum Beispiel den Ort des Geschehens aus dem mittlerweile heruntergekommenen Harlem an den Central Park, wo einfach mehr los ist, macht aus dem älteren den jüngeren Bruder oder läßt generell fiktive Personen auftreten. Das alles dient einzig dazu, fünf Jahrzehnte ungemein fesselnde Zeitgeschichte aufleben zu lassen, erzählt aus der Perspektive zweier Menschen, die sich ihre eigene Welt erschaffen und sich zum Schluss darin verloren haben. Vielleicht Doctorows bester Roman.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln

Verlag
Kiepenheuer & Witsch Verlag
Erscheinungsdatum
2010
ISBN/EAN
978-3-462-04298-6
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
224
Preis
18,99 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Edgar Laurence Doctorow wurde 1931in New York City geboren. Für seine Romane erhielt er eine Vielzahl bedeutender Auszeichnungen, so z.B. den National Book Award und den PEN/Faulkner Award.