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Cover: Hitler besiegen

Avraham Burg

Hitler besiegen

Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff

Avraham Burg gehörte jahrelang zur politischen Elite Israels. Sein Vater, der 1939 aus Deutschland geflohen war, war einer der Staatsgründer und jahrelang Minister. Er selbst trat nach seinem Militärdienst der Friedensbewegung "Peace Now!" bei, war Berater von Schimon Peres, Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher der Knesset. Das sollte man wissen, um seine massive Kritik an der Politik Israels und am Zionismus, den er als Vorsitzender der zionistischen Weltorganisation einige Zeit repräsentierte, einordnen zu können. 

Kritik an der Instrumentalisierung der Shoa ist nicht neu in Israel. Der Furor, mit dem Burg sie betreibt, nimmt einem jedoch den Atem. Einer seiner Hauptvorwürfe lautet: Das Beharren darauf, dass der Holocaust einmalig war, kein Völkermord vorher und nachher ihm gleiche, habe Israel dazu gebracht, sich dauerhaft in einer Sonderstellung zu fühlen und im Namen der Shoa vieles gutzuheißen und zu tun, was man bei anderen geißele. Der Staat werde zunehmend militaristisch und seine Bewohner fremdenfeindlich und rassistisch. Der Holocaust sei allgegenwärtig und werde durch unzählige Gedenktage, ständige Präsenz in den Medien, Klassenreisen nach Polen permanent instrumentalisiert. Er diene dazu, jegliche Kritik an Politik und Staat in die Ecke des Antisemitismus zu rücken und damit zu unterdrücken. 

Dieses Verhalten ließe sich zwar aus der Geschichte erklären, Israel weigere sich jedoch, sich weiterzuentwickeln. Das Land verkenne, dass die Welt von heute nicht mehr die von 1945 oder 1948 sei. Es besitze genügend militärische Stärke, um sich zu verteidigen, und könne die Opferrolle ablegen. Militärisch und wirtschaftlich sei man noch nie so stark wie heute gewesen. Zudem habe sich die internationale Staatengemeinschaft die Haltung des "nie wieder" zu eigen gemacht (auch wenn sie im konkreten Handeln, wie er selbst zugibt, häufig versagt). Daneben wirft er den zunehmenden fundamentalistischen Gruppierungen vor, einzig die Bibel und die Thora anzuerkennen, deren Texte jedoch einseitig im Sinne einer Überhöhung des Judentums zu interpretieren. Der Gedanke der Auserwähltheit führe zu Mitleidlosigkeit und Rassismus, beides sei mit einer Demokratie nicht mehr zu vereinbaren. 

Verzweiflung und Wut darüber, wohin sich Israel entwickelt hat und wie wenig dies noch mit dem zu tun hat, wofür z.B. sein Vater stand, ist in jeder Zeile des Buches zu spüren. Aber Burg bleibt nicht dabei stehen. Er entwirft dagegen eine Utopie, in der das Judentum mit seiner Jahrtausende alten Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung nicht länger das das Monopol auf diese Erfahrung beansprucht. Er wünscht sich und mehr noch seinen Kindern ein weltoffenes Israel, das imstande ist, dem, was außerhalb der eigenen Grenzen passiert, mit Empathie zu begegnen und ein offenes, normales Mitglied der Staatengemeinschaft zu werden, ein Land, in dem Glaube und Abstammung freie und private Angelegenheiten sind und nicht als Argument zur Unterdrückung und Ausgrenzung anderer benutzt werden. Das Land habe alle Möglichkeiten, sich aus seiner "splendid isolation" heraus zu begeben - es müsse nur wollen.

Das Buch ist eine Mixtur aus politischer Analyse, biografischer Erzählung, Familiengeschichte, Einlassungen über den jüdischen Glauben und Geschichte des Staates Israel. Es ist subjektiv, oft polemisch, manchmal pathetisch, häufig wütend. Avraham Burg hat ein leidenschaftliches Plädoyer für ein Israel geschrieben, das sich von seiner historischen Fixierung auf den Holocaust löst, ohne seine traumatischen Erfahrungen verleugnen zu müssen. Erst wenn das gelinge, so glaubt er, habe der Staat Israel eine Zukunft. Und mehr noch: "An dem Tag, an dem wir Auschwitz verlassen und einen neuen Staat Israel errichten, müssen wir auch Deutschland freigeben." Er sieht das als große Chance.

Inhaltlich muss man damit nicht übereinstimmen, aufregend zu lesen ist es allemal!

Ruth Roebke, Autorenbuchhandlung Marx & Co., Frankfurt  am Main

 

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Campus Verlag
Erscheinungsdatum
2009
ISBN/EAN
978-3-593-39056-7
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
280
Preis
24,90 €
Status
vom Verlag als vergriffen gemeldet

Zur Autorin / Zum Autor

Avraham Burg wurde 1955 als Sohn eines deutschen Holocaust- Überlebenden in Jerusalem geboren. Sein Vater Josef Burg lebte in Dresden und Berlin, wo er die Ausreise deutscher Juden organisierte, bis er selbst 1939 floh. Nach dem Militärdienst wurde Avraham Burg aktiv in der Friedensbewegung "Peace Now!". Er war Berater von Schimon Peres, Vorsitzender der Jewish Agency und Sprecher der Knesset. In letzter Zeit hat er die Kernthesen des Zionismus öffentlich infrage gestellt und die Politik Israels scharf kritisiert.