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Cover: Gehen, ging, gegangen

Empfehlung von
Marion Victor, Frankfurt am Main

Jenny Erpenbeck

Gehen, ging, gegangen

Roman

Das Leben von Richard, dem frisch emeritierten Professor für alte Sprachen an der Humboldt Universität in Berlin, hat nichts mit dem der Gruppe von Flüchtlingen aus Afrika gemein, die – um in der geschäftigen deutschen Hauptstadt sichtbar zu werden – in der Mitte der Stadt ihre Zelte aufschlagen, in Hungerstreik treten. Ja, er sieht weder sie noch ihr Schild WE BECOME VISIBLE, obwohl er doch genau dort über den Platz geht. Erst abends in den Nachrichten sieht er das Bild von ihrem Kampf um Sichtbarwerdung, um Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Langsam reift in ihm der Entschluss, sich die Flüchtlinge anzuschauen.

Er geht zu einem Treffen in eine ehemalige Kreuzberger Schule, wo die Flüchtlinge provisorisch untergebracht sind. Er findet ein Wirrwarr von Menschen aus Ghana, Niger, Mali, Äthiopien und Senegal, die hier seit acht, sechs, zwei Monaten leben, das heißt auf den Bescheid warten, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Schreien und wilde Gesten. Er versteht nichts und flieht, als er wie alle anderen Anwesenden seinen Namen sagen soll. Er will sich nicht bekennen, nicht helfen, er gehört zu keiner Gruppe, er will nur sehen. Also geht er ein paar Tage später doch wieder los.

Was wissen wir von Afrika? Wo liegt Burkina Faso? Wieso von Ghana nach Libyen? Was kostet ein Grundstück in Ghana? So vorsichtig, wie der zögernde Richard sich den Flüchtlingen nähert, beschreibt Jenny Erpenbeck in ihrem neuen Roman, wie aus den dunkelhäutigen Fremden Individuen werden, mit ganz verschiedenen Geschichten von Vertreibung und Flucht, Ängsten und Hoffnungen auf ein Leben, das sie frei gestalten können. So wie Richard einen Apoll und einen Hermes findet, Bashir und Rashid, Osarobo und Rufu kennenlernt, ihre Eigenheiten und Fähigkeiten wahrnimmt, so werden sie auch für den Leser sichtbar.

Parallel dazu erzählt Jenny Erpenbeck die Geschichte von Richard, der sich nur zögerlich den Fragen stellt, die die Flüchtlinge in sein Leben tragen. Was sind das für Gesetze? Welche Rechte und welche Freiheiten haben wir? Wie können wir mit dem Verlust von Heimat, dem Verlust von Menschen umgehen? Damit wird auch sein Leben in Frage gestellt. Er sieht sich in den Flüchtlingen wie in einem Spiegel. Wo ist er selbst angekommen und wohin soll er gehen?

Jenny Erpenbeck ist wieder einmal ein großes Buch gelungen.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Knaus Verlag
Erscheinungsdatum
2015
ISBN/EAN
9783813503708
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
352
Preis
19,99 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in eine Berliner Schriftstellerdynastie geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteuse und Ankleiderin an der Staatsoper Berlin studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften und Musiktheaterregie. Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin und Regisseurin in der Nähe von Graz.

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