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Cover: Eine Liebe im Kaukasus

Empfehlung von
Alena Heinritz, Insbruck

Alissa Ganijewa

Eine Liebe im Kaukasus

Roman. Aus dem Russischen von Christiane Körner

Patja kehrt von einem Aufenthalt in Moskau zurück zu ihrer Familie nach Dagestan. Hier wird nur noch eins von ihr erwartet: schleunigst einen Ehemann zu finden, denn mit Mitte zwanzig gilt sie schon fast als alte Jungfer. Patjas widerwillige Anläufe, den Erwartungen ihrer Familie zu entsprechen, führt sie in schräge Familien und groteske Situationen. Was aber als romantische Komödie einer orientalischen Jane Austen beginnt, endet als machtvolle Legende: Ganijewas Roman „Eine Liebe im Kaukasus“ ist mehr, als es zunächst scheint.

Patja ist nicht allein mit dem Problem, dem Familiensegen zuliebe einen Ehemann finden zu müssen. Marat, einem jungen Moskauer Anwalt, geht es ebenso wie ihr. Seine Eltern haben, gewiefter als Patjas Eltern, bereits die Hochzeit organisiert. Alles, was fehlt, ist nun die Braut. Lustlos begibt sich also auch Marat auf die Suche und erlebt ähnlich skurrile Begebenheiten wie Patja. Sogar zu einem Wahrsager schickt ihn seine Mutter. Der liest ihm die Zukunft aus dem Kaffeesatz – obwohl in der Tasse nur ein Paar Schlieren vom Instantkaffee geblieben sind. Über diesen und viele weitere Vorfälle ähnlicher Art, können Marat und Patja nur die Köpfe schütteln. Dass beide gebildet und aus Moskau zu ihren Familien in die Provinz zurückgekehrt sind, macht sie zwar zu einer besonderen Attraktion im Ort, bedeutet aber auch eine große Fremdheit gegenüber der kleinstädtischen Bevölkerung ihres Heimatortes.

Fremd wirken Patja und Marat besonders im traditionellen Szenario der Brautwerbung. Die ist so, wie Patja sie in ihrer kaukasischen Heimat erlebt, ein komplexes gesellschaftliches Unterfangen, bei dem nicht nur dem Paar selbst, sondern besonders Familien, Freunden und Nachbarn eine wichtige Rolle zufällt. Zunächst einmal haben zwei junge Leute über eine längere Zeitspanne hinweg Kontakt im Internet. Währenddessen ziehen sie Erkundigungen ein und jagen Gerüchten über den jeweiligen Partner nach. Nachdem sie sich dann in der Öffentlichkeit getroffen haben, halten die Eltern des Bräutigams bei den Eltern der Braut um die Hand des Mädchens an. Es folgen Brautwerbungsfeier und Hochzeit, die wiederum anderen Paaren die Gelegenheit gibt, potentielle Heiratskandidaten kennenzulernen.

Während nun Patja und Marat von ihren Müttern auf der Suche nach Heiratskandidaten von Wohnzimmer zu Wohnzimmer und Verabredung zu Verabredung gescheucht werden, eine trostloser als die andere, verschärfen sich die Konflikte zwischen zwei religiösen Gruppen im Ort: Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den strenggläubigen Anhängern der inoffiziellen Moschee „hinterm Gleis“ mit den „normalen“ Muslimen, die zur traditionellen Moschee „vom Prospekt“ gehen. Auf dem Höhepunkt des Konflikts wird sogar ein junger Mann aus Marats Bekanntenkreis getötet. Dieser Vorfall zwingt auch den letzten Bewohner des Ortes dazu, Stellung zu beziehen.

Und natürlich begegnen sich Patja und Marat irgendwann – zum ersten Mal auf einem politischen Konzert zu Ehren Halilbeks, eines inzwischen inhaftierten kriminellen Oligarchen. Patja ist dort eigentlich gemeinsam mit Timur, dem dümmlichen und unsäglich anmaßenden Vorsitzenden einer orthodox-muslimischen Jugendorganisation. Auf der Flucht vor seinen Balztänzen kommt ihr Marat gerade recht. Patja und Marat verstehen sich sofort und verlieben sich ineinander. Weil aber Patjas Vater für Halilbek gearbeitet hat, der wiederum angeblich den unehelichen Sohn von Marats Vater getötet hat, verbieten Marats Eltern zunächst die Verbindung zwischen Marat und Patja. Dennoch kommt es zur Verlobung. Am Tag der geplanten Hochzeit zwischen Marat und Patja nimmt die Geschichte dann eine vollkommen unerwartete Wendung, und Halilbek bekommt einen Auftritt als religiöse Legendengestalt.

Halilbek – das ist die Fama, das Gerücht in Person. Als skrupelloser Mörder und zugleich weiser Wohltäter ist er das unsichtbare Zentrum des Ortes. Beinahe scheint es, als gebe er das Bild ab für den gehässigen Geist, der geschwätzigen Frauen auf der Schulter sitzt, während sie über ihre Nachbarn lästern; als sei er es, der Prediger aufstachelt, wenn sie zum Hass gegen Andersgläubige aufrufen, und als sei er derjenige, der Patja und Marat zunächst zu trennen scheint. Jedenfalls nähme ohne ihn alles ein anderes Ende in dieser Ortsgemeinschaft, in der Aberglauben und Gerüchte regieren. Trotz dieser vielen Facetten liest sich Ganijewas schwarzhumoriger Roman leicht und gibt, erweitert durch ein Nachwort der Übersetzerin, Einblicke in das Leben der nur wenig bekannten Republik Dagestan.

Verlag
Suhrkamp Verlag
Erscheinungsdatum
2016
ISBN/EAN
978-3-518-42554-1
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
240
Preis
22,00 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Alissa Ganijewa, geboren 1985, wuchs in Machatschkala/Dagestan auf und lebt heute als Literaturkritikerin und Autorin in Moskau. Ihr Debüt, die unter männlichem Pseudonym veröffentlichte Erzählung Salam, Dalgat, löste heftige Reaktionen aus. Die russische Mauer, ihr erster Roman, wird zur Zeit in mehrere Sprachen übersetzt.

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