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Cover: Dunkel, fast Nacht

Empfehlung von
Alena Heinritz, Insbruck

Joanna Bator

Dunkel, fast Nacht

Roman. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes

Alicja Tabor, eine Journalistin aus Warschau, kehrt nach 15-jähriger Abwesenheit in die Stadt ihrer Kindheit zurück. Dort nämlich sind Kinder verschwunden, und Alicja möchte eine Reportage über die rätselhaften Geschehnisse in der Stadt schreiben. Zurück in ihrem Elternhaus erinnert sich Alicja an die unheimlichen Geschichten, die ihre ältere Schwester Ewa ihr als Kind erzählt hat. Je mehr sich Alicja wieder auf die Gegend ihrer Kindheit einlässt, desto mehr erfährt sie auch über ihre eigene Familie. Mehr und mehr bekommt sie eine Vorstellung davon, wie sehr Ewas Grotesken mit der Geschichte der Stadt verwoben sind. Joanna Bators dritter Roman „Dunkel, fast Nacht“ erschien im Original 2012 und wurde mit dem wichtigsten polnischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Für die Zeit ihres Aufenthaltes im schlesischen Wałbrzych will Alicja in ihrem Elternhaus wohnen. Das Haus ist dank der Pflege des Gärtners Albert, einem Freund der Familie, in dem Zustand erhalten, in dem sie es einst verlassen hatte. Immer noch finden sich darin die verschiedenen Schichten der Vergangenheit: Spuren der einst deutschen Bewohner bis hin zu den Gegenständen, die sie und ihre Schwester Ewa in ihrer Kindheit begleiteten. So ist es auch nicht erstaunlich, dass sie sich gleich nach der Ankunft in ihre Vergangenheit zurück versetzt fühlt und sich ihre Beziehung zu ihrem Vater, dem Gärtner Albert und besonders ihrer Schwester Ewa vergegenwärtigt.

Ihre Kindheit verbringt Alicja ganz anders als alle Kinder ihrer Umgebung. Was mit der Mutter geschah, bleibt für sie als Kind im Dunkeln, und auch ihre ältere Schwester Ewa weicht allen Fragen nach der Mutter aus. Der Vater widmet sich, nachdem er eines Tages nicht mehr als Geschichtslehrer arbeiten darf, ausschließlich der Suche nach Hitlers legendärem Goldschatz, den die Nationalsozialisten in dem benachbarten Wald um Schloss Fürstenstein versteckt haben sollen. All sein Geld gibt er aus für Informationen und Schatzkarten. Er will diesen Schatz für seine Familie finden, vernachlässigt dabei aber seine Kinder.

Ohne Mutter und mit einem zerstreuten Vater ist die ältere Schwester Ewa Alicjas wichtigste Bezugsperson. Ewas groteske Geschichten bevölkern für die kleine Alicja die Umgebung des Elternhauses und den Schlosswald mit guten und bösen Wesen: „Katzenfresser“ bedrohen Tiere und nisten sich in die Seelen der Menschen ein, gute „Katzenfrauen“ geben ihr bestes, diese schauerlichen Gestalten in den Griff zu bekommen.

Umso beunruhigender wirken die Geschichten in der Erinnerung der erwachsenen Alicja, als sie merkt, dass sie von einem Unbekannten verfolgt wird und sich das Geisterhafte mehr und mehr in ihre Gegenwart schleicht. Sie, die sich seit dem Tod ihrer Schwester stets allein durchs Leben geschlagen hat, ist in Wałbrzych bei ihrer Recherche auf Hilfe angewiesen. Neben dem verlässlichen Gärtner Albert entsteht eine Freundschaft zu der transsexuellen Celestyna und zu dem schweigsamen Marcin, der Alicja mehr anzieht, als ihr zunächst lieb ist. Voller Empathie folgt Alicja den Spuren zu den verschwundenen Kindern und verliert dabei langsam an ihrer professionellen Distanz zur Welt.

Die fremdenfeindliche Stimmung in der Stadt fließt in subtil konstruierten Einträgen aus Internetforen in die Erzählung ein. Aus den hasserfüllten Stimmen formt sich ein monotoner Chor, der zum Hintergrund geheimnisvoller Botschaften für Alicja wird. Wie aber soll es einen Ausweg geben, wenn die Landschaft selbst von den Grausamkeiten durchwuchert zu sein scheint, die dort geschehen sind? Und so liegt es nahe, dass Alicja die rätselhaften Umstände der verschwundenen Kinder mit dem seit langem in der Gegend verhafteten Kreislauf aus Grausamkeit und Trauma in Verbindung bringt. „Dunkel, fast Nacht“ ist spannend wie ein Krimi, grausam wie ein Märchen und zugleich komplex wie die Geschichte Polens in den letzten hundert Jahren.

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Suhrkamp Verlag
Erscheinungsdatum
2016
ISBN/EAN
978-3-518-42497-1
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
511
Preis
24,95 €
Status
nicht lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Joanna Bator, 1968 geboren, publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften und forschte mehrere Jahre lang in Japan. Die deutsche Übersetzung ihres Romans Sandberg durch Esther Kinsky war ein literarisches Ereignis. Seither gilt Joanna Bator als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur. Für Dunkel, fast Nacht (2012) wurde sie mit dem NIKE, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in Japan und Polen.

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