Jaume Cabré
Die Stimmen des Flusses
Roman. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt
Es gibt sie immer wieder einmal, diese Bücher, von denen man gerne behaupten will, sie müßte einfach jeder gelesen haben, der sich nur annähernd mit guter Literatur beschäftigt. Wie Sie wissen, halte ich mich mit derlei Aussagen mehr als zurück, denn über Geschmack läßt sich ja bekanntlich gut und gerne streiten. Aber es gibt Ausnahmen. Es gibt immer Ausnahmen. In der letzten Zeit waren das (für mich) Der Schatten des Windes, von Carlos Ruiz Zafón, Drachenläufer, von Khaled Hosseini und Die Straße, von Cormac McCarthy. Bücher, die einen nachhaltig beeindrucken. Es gibt andere Beispiele. Jeder hat zwei oder drei oder auch mehr parat.
Diesmal ist es ein Autor, von dem bisher nichts anderes ins Deutsche übersetzt worden ist, und das ist schade. Das ist sogar sehr schade. Und es ist wieder ein Spanier. Oder muß man ausdrücklich sagen: Katalane? Schon vor drei Jahren erschien Jaume Cabrés Roman Les Veus del Pamano in Barcelona. Pünktlich zum Buchmessenschwerpunkt liegt jetzt die deutsche Übersetzung im Insel Verlag vor. Die Stimmen des Flusses. Schönes Cover. Dicker Schinken. Über sechshundert Seiten. Ich habe sie in zwei Nächten gelesen. Für mich persönlich einer der besten Romane, die ich überhaupt jemals gelesen habe. Einer unter den berühmten 10 für die Insel.
Torena. Ein Bergdorf in den Pyrenäen. Es beginnt mit einer Zigarrenkiste, in der sich mehrere eng beschriebene Schulhefte befinden, die aber eigentlich einen Brief darstellen; 1944 von dem Dorfschullehrer Oriol Fontelles in tiefer Verzweiflung geschrieben. Versteckt hinter einer Schiefertafel, haben sie die Adressatin, Fontelles Tochter, nie erreicht. Sechzig Jahre später begibt sich die Lehrerin Tina Bros in das Pyrenäendorf, um dort für eine Ausstellung Material zu sammeln. Sie gerät an die Papiere und fängt an zu lesen. Fontelles Leben, sein umstrittenes Verhalten während der Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg, die genauen Umstände seines gewaltsamen Todes, die Trennung von seiner schwangeren Frau und nicht zuletzt seine abgrundtiefe Liebe zu der ebenso atemberaubend schönen wie teuflischen Elisenda. Tina Bros, deren Privatleben gerade völlig aus den Fugen gerät, kommt von der Geschichte nicht mehr los. Sie beginnt zu recherchieren, was genau sich an diesem eisig kalten 18. Oktober 1944 in Torena zugetragen hat.
Die Handlung spielt zu verschiedenen Zeiten, in einer Spanne von über sechzig Jahren und Jaume Cabré versteht es geradezu meisterhaft, diese Zeitebenen lebendig ineinander zu verzahnen. Zunächst mag man darüber stolpern, aber das gibt sich sofort. Es herrscht da eine Dramatik, eine derartige Spannung, man will dieses Buch nur schwer aus der Hand legen. Unter uns gesagt, ich beneide Sie, sollten Sie Die Stimmen des Flusses noch nicht gelesen haben. Große Klasse. Ganz große Klasse. Ja, seis drum: ein Muß.
Ich will nur hoffen, daß der Insel Verlag bald schon nachlegt.
Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln
- Verlag
- Suhrkamp Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2008
- ISBN/EAN
- 978-3-518-46049-8
- Format
- Einband - flex.(Paperback)
- Seiten
- 666
- Preis
- 14,00 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Jaume Cabré ist Philologe und Schriftsteller. Er wurde 1947 in Barcelona geboren und hat neben zahlreichen Romanen auch Theaterstücke, Drehbücher, Essays sowie auch Kinderbuch veröffentlicht.