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Cover: Der Tanz des Lebens

Ketil Bjørnstad

Der Tanz des Lebens

Roman. Aus dem Norvegischen von Lothar Schneider

Hassels, Hauptkustos in Oslos Nationalgalerie, hat den Zenit seines Lebens überschritten und sieht sieht in der jungen Freundin seines Sohnes die Chance, noch einmal ins Leben einzusteigen. Eigentlich müsste der Leser von Ketil Bjørnstads "Tanz des Lebens" ungefähr bei Seite 80, vielleicht auch erst 100 verwundert den Roman sinken lassen, denn zu dem in Prolog und Klappentext angekündigten Kriminal-, ja Mordfall will und will es nicht kommen. Aber halt, nicht so schnell, es liegt etwas in der Luft, der Leser ist gefangen von der schonungslos entlarvenden Abbildung einer modernen Gesellschaft und deren Hoffnungen, Ambitionen, Eitelkeiten, Verlassenheitsgefühlen und moralischen Abgründen. Er ist mitten drin, er versteht, was den Protagonisten bewegt, weiß wovon er spricht, kennt diese Dinge irgendwie auch. Wie erschreckend und zugleich fesselnd das ist! Unheil liegt in der Luft! Der Tanz des Lebens erzählt die Geschichte von Ludvig Hassel, medienbekannter Hauptkustos an der Nationalgalerie in Oslo, 52 Jahre, die gescheiterte Ehe schmerzt noch immer, das Verhältnis zu den erwachsenen Kindern ist von Schuldgefühlen überlagert. Seine junge Geliebte, eine TV-Prominente, lässt er in dem Maße an sich heran, wie er sie braucht. Trotzdem ist sie diejenige, vor der er sich in schwachen Momenten ausweint. Hassels Leben dreht sich im Kreis, die Jungen drohen, ihn beruflich, intellektuell und auch körperlich zu überholen, so fürchtet er. Er weiß, er ist "ein Salonlöwe auf der Jagd nach immer jüngeren Frauen, die mit ihrer Jugendlichkeit die Medizin waren, die er brauchte, um nicht selbst in Trostlosigkeit zu versinken". Als zum rituellen Weihnachtsdinner im Haus seiner Ex-Frau auch die 22-jährige Freundin seines Sohnes kommt, tut sich für Hassel unerwartet eine Möglichkeit auf, an der neuen Zeit teilzuhaben: Er ist aufs Äußerste beeindruckt von dieser Studentin, einer Skifliegerin, die auch noch als Modell für Elite jobt. Sie ist ein Phänomen, das er näher untersuchen muß. Das kann kein gutes Ende nehmen... Der Romantitel kommt nicht von ungefähr: "Der Tanz des Lebens", so heißt ein Gemälde des norwegischen Malers und Graphikers Edvard Munch (1863-1944). Munch schuf mit seinen Bildern wahrheitsgetreue Nahaufnahmen von den Sehnsüchten und Qualen des modernen Menschen. Der polnische Dichter Stanislaw Przybyszewski nannte dies einmal "psychischer Realismus". Der Munch’schen Sichtweise folgend lässt Bjørnstad seinen Leser ganz in die Welt Hassels eintauchen, lässt ihn teilhaben an Hassels Gedankenspielen über aktuelle Politik, Kulturelles, die banalen Dinge des Alltags, aber auch Intimstes. Es gibt da ausschweifende Betrachtungen voller Selbstgefälligkeit und Zynismus, trostlose Momente der Schwäche und des Selbstmitleids. Bjørnstads packendes Psychogramm des modernen Individuums und seines Umfelds lässt den Leser nicht unberührt, legt in seiner Vielgestaltigkeit den Finger in manche Wunde. "Der Tanz des Lebens" ist eine düstere Vision der Gesellschaft. Er endet in einer Katastrophe. Martina Morawietz, Der andere Buchladen, Köln.

Verlag
Suhrkamp
Erscheinungsdatum
2004
ISBN/EAN
978-3-518-45564-7
Format
Einband - flex.(Paperback)
Seiten
277
Preis
16,00 €
Status
Print-on-Demand