Alexandre Dumas
Der Schleier im Main
Der historische Frankfurt-Roman
Fang ich mit dem Wermutstropfen an, oder wart ich mit dem bitteren Anteil der Pille bis zum Schluß? Nein, beziehungsweise ja. Alexandre Dumas, der bekannteste Musketier unter den Schreiberlingen Frankreichs seit d'Artagnan, dem fechtwütigen Spitzbuben aus der na wo kam er nochmal her...nein, nicht aus Oberhessen, denn da gibts keine Gascogne, soweit mir bekannt ist. Daß Alexandre Dumas der Ältere einen Roman über Frankfurt geschrieben hat, deren Titel "La Terreur Prussienne" lautet, muß allen Preußenhassern am Main und anderswo Anlaß zu Freude, Jubilieren, "Bravo!"- und "Da capo"-Rufen sein, auch wenn der deutsche Titel: "Der Schleier im Main" die Sache arg verharmlost. Will der Autor sich klein machen, das preußische Berlin nicht auf sich aufmerksam machen, hat er Angst vor den Kanonen Bismarks? Wohl kaum, da letzterer bekanntlich nicht mehr so recht lebt. Dabei beginnt der Roman "Der Schleier im Main" tatsächlich in Berlin, unter den Linden, und zwar mit einem (kläglich) mißglückten Attentat auf eben jenen Krautjunker mit dem Schnapsnamen, am 7. Juni 1866. Ein junger Franzose namens Benedict Turpin, der mitten in einem antifranzösischen Kravall seinen Fuß auf einen Caffeehausstuhl stellt, eine Flasche Champagner ploppen lässt, sein Glas erhebt und mit lauter Stimme ruft: "Vive la France!" - der Mann muß doch mit gewissen Schwierigkeiten rechnen, in jenem kriegslüsternen Jahr 1866, als sich...aber davon wissen wir Heutigen ja nix mehr, wir fahren in der Regel nur gelangweilt mit der Straßenbahn an diesem Hessendenkmal vorbei, das in seiner "fast surrealen Schönheit" (Harry Oberländer), mit herabtropfendem Schild und zerfließendem Löwen von der Niederlage der Hessen gegen die preußische Aggression erzählt, von anno tuback, damals, als die preußische Truppen Frankfurt besetzten, damit drohten, die Stadt mit ihren Kanonen in Schutt und Asche zu schießen, und der arme Frankfurter Bürgermeister Fellner sich nicht anders zu helfen weiß als Selbstmord zu begehen, und... Nun ja, ein wenig historischer Nachholunterricht tut gut, vor allem, wenn's ein Meister, ach was, der Meister überhaupt der Mantel und Degen und Intrige und Kaballe und Liebe und Duell und Trallala-Romane, Alexandre Dumas der Ältere himself, verfasst hat, ein Mordsspaß, im wahrsten Sinne des Wortes. Wer sich in den letzten Monaten und Jahren vergnügt hat an den historischen Kriminalromanen über Boris Akunins stotternden Detektiv Fandorin, der im Dienste des russischen Zaren beziehungsweise seines Moskauer Statthalters Ende des 19. Jahrhunderts auf (durchaus politische) Verbrecherjagd geht, wird hier bei Dumas erstaunt feststellen, daß er nun gewissermaßen das Original in der Hand hält, jedenfalls was die Mentalität betrifft, die im 19. Jahrhundert noch vorherrschend war, wo die männliche Jugend mit Hurra und Begeisterung dem Heldentod wenn nicht in der militärischen Schlacht, dann wenigstens in einem Duell um Ehrenhändel entgegen schmachtete ...eine seltsame Sehnsucht nach dem blutigen Ritual-Mord oder -Selbstmord, die nach den Machinengewehr-, Artillerie-, Luftbombardements-, Giftgas- und Grabenkriegsmassakern des damals kommenden und jetzt (hoffentlich) bald zu vergessenden 20. Jahrhunderts nur noch schwer nachzuvollziehen ist - um so beeindruckender, bei Dumas nachzulesen diese euphorische Begeisterung von Menschen, sich gegenseitig lebendigen Leibes in Scheiben zu schneiden oder in Fetzen zu kartätschen, schaurigwohlig der Gedanke an fließendes Blut, das über den Brückenrand rollt und in den Main hinabtropft, den Fluß schließlich rot färbend, man kann ihn gleichsam riechen, den Pulverdampf, man hört Schüsse und die Schreie und das Röcheln der verwundeten und sterbenden Helden, glaubt das Getrappel der Pferde auf dem Pflaster vernehmen zu können, in der Ferne grollender Kanonendonner, irgendwo in der Nähe das Klirren aufeinandertreffender, in der untergehenden Sonne blitzender, schon leicht schartiger, blutiger Degenklingen - ach Gott, ist das alles romantisch, wenn nicht... nun ja, das ganze ist gar nicht wirklich von Dumas, sondern nur nacherzählt, von Clemens Bachmann, nach einer englischen Übersetzung von R.S. Garnett aus dem Jahre 1914, die ebenfalls bereits gekürzt war, und deswegen weiß man nun nachträglich gar nicht, was tatsächlich aus der Feder des Alexandre Dumas und damit aus dem 19. Jahrhundert stammt, oder was der Phantasie und dem Erzähleifer des Clemens Bachmann, der dieses Buch im Jahre 2004 im Societäts-Verlag Frankfurt hat erscheinen lassen, und damit dem 21. Jahrhundert entspringt, und das ist schade, eben besagter kleiner Wehmutstropfen, der zusammen mit dem Schleier den Main hinunterschwimmt, dem größeren, bekannteren deutsch-französischen Fluß entgegen, um schließlich im europäischsten aller Gewässer, vom Froschteich der alten Griechen, dem Mittelmeer, oder dem Meer oder weniger des Friedens, der Ostsee, einmal abgesehen, nämlich dem Kanal zwischen dem Festland und der britischen Hauptinsel, und damit der Nordsee, dieser Mordsee, in Unmengen salzigen Meerwassers aufzugehen und niemals wiedergesehen zu werden...Ach! Heipe Weiss, Frankfurt.
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- Verlag
- Frankfurter Societäts-Druckerei
- Erscheinungsdatum
- 08.2004
- ISBN/EAN
- 978-3-7973-0896-2
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 328
- Preis
- 9,90 €
- Status
- nicht lieferbar