José Ponte
Der Ruinenwächter von Havanna (La fiesta vigilada)
A. d. kubanischen Span. von Sabine Giersberg
Bevor dem Autor vor zwei Jahren die Wiedereinreise nach Kuba verwehrt wurde, kehrte er regelmäßig von seinen Lesereisen nach Havanna zurück. Auf die Frage, warum er trotz der Widrigkeiten, die ihn dort erwarteten so handele, antwortete er mit der Geschichte, die man sich von Guy de Maupassant erzählt. Maupassant, der ein erbitterter Gegner des Eiffelturms war, antwortete, als man ihn im dortigen Turmrestaurant antraf, hier sei der einzige Punkt in der Stadt, von wo aus man den Eiffelturm nicht sehen könne. Und wenn er ihn so eifrig aufsuche, so tue er das einzig und allein aus dem Wunsch, seine Existenz zu vergessen. Natürlich will Ponte sein Havanna keineswegs vergessen. Schon in seinen früheren Arbeiten hat er sich mit dem Verfall vom Alt-Havanna auseinandergesetzt. Sie sind auch Hauptmotiv in der vorliegenden Arbeit, die er schon auf Kuba begonnen hatte, dabei aber ein Publikum von außerhalb der Insel im Auge hatte. Die Leser erwartet keine linear erzählte Geschichte, sondern eine Sammlung von Schlaglichtern und von Episoden, die der selbsternannte Ruinenwächter und Chronist hier ausbreitet. Natürlich ist die Ruinenlandschaft Havannas, die einstürzenden Häuser, die abgedeckten Dächer und die marode Infrastruktur, so wie sie Ponte bitterböse beschreibt, auch das Sinnbild für das zusammenbrechende System. Für ihn ist der fortschreitende Verfall politische Absicht des Máximo Líder, der ständig vor der kurz bevorstehenden Invasion der US-Amerikaner warnt und der Havanna so aussehen läßt, als hätte der Überfall schon stattgefunden. Ein außergewöhnliches Buch, das aus der Masse der kubakritischen Arbeiten heraussticht.
Klaus Küpper (Bücher zu Lateinamerika)
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- München: Kunstmann
- Erscheinungsdatum
- 2008
- ISBN/EAN
- 978-3-88897-511-0
- Format
- Buch
- Seiten
- 233
- Preis
- 19,90 €
- Status
- vom Verlag als vergriffen gemeldet
Zur Autorin / Zum Autor
Antonio José Ponte wurde 1964 in Matanzas geboren. Er ist gelernter Ingenieur und arbeitete auch in seinem Beruf bevor er begann, Drehbücher und Essays zu schreiben und Professor für Literatur wurde. Seine Gedichte und Essays wurden preisgekrönt. 1999 lebte er mit einem EU-Stipendium in Porto. Wegen seiner kritischen Artikel wurde er im Jahre 2003 aus dem kubanischen Schriftstellerverband ausgeschlossen und konnte seine Texte nicht mehr veröffentlichen. Seit 2006 lebt er in Madrid und kann nicht mehr in seine Heimat zurück. Zahlreiche seiner Gedichte und Prosaarbeiten sowie der auch in Deutschland gezeigte Dokumentarfilm Havanna - die neue Kunst, Ruinen zu bauen und der hier besprochene Band befassen sich mit dem Verfall Havannas.