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Cover: Der Regen, bevor er fällt

Jonathan Coe

Der Regen, bevor er fällt

Roman. Aus dem Englischen von Andreas Gressmann.

Vier besprochene Tonbandkassetten und zwanzig Fotografien aus dem Familienalbum sind das Vermächtnis, das Rosamond der verschollenen Enkelin ihrer Cousine Beatrix hinterlässt. Imogen ist blind, und Rosamond will ihr durch die Beschreibung der Fotos eine Vorstellung von der Familiengeschichte geben, "ein Selbstgefühl", wie es die meisten Menschen durch die Betrachtung von Familienfotos erlangen, "Fotos von sich, als sie noch Kinder waren, und Fotos von ihren Eltern und Großeltern (…)". Nach Rosamonds Selbstmord bekommt ihre Nichte Gill die Aufzeichnungen und Fotos. Sie soll Imogen  ausfindig machen und sie ihr übergeben. Doch das gelingt nicht. Und so hören Gill und ihre beiden erwachsenen Töchter den bewegenden Bericht über das Schicksal der drei Frauen Beatrix, Thea und Imogen. Der Erzählton der alten Frau und die Situation wirken authentisch. Manchmal schweifen Rosamonds Gedanken ab, aber der strenge Duktus der Bildbetrachtung bildet eine überzeugende inhaltliche Klammer. Aus zwanzig einzelnen Szenen entsteht ein anrührender, stimmig zusammengefügter Roman über Mütter und Töchter.

Alles beginnt Ende der dreißiger Jahre, als die sechsjährige Rosamond wegen der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs aus einem Vorort von Birmingham zu Verwandten aufs Land geschickt wird. In ihrer Verlassenheit schließt sie sich eng an die etwas ältere Cousine Beatrix an. Beatrix leidet unter der fehlenden Zuwendung ihrer Mutter, die sich nur für ihre Söhne und ihren Hund interessiert, und genießt die Nähe und Bewunderung der Jüngeren. Rosamond ist eine gute Beobachterin und eine gute Berichterstatterin. Aus kleinen Episoden setzt sich das Bild einer traurigen Kindheit zusammen. Anschaulich beschreibt sie das beklemmende Wechselspiel von Liebe und Abhängigkeit, das die Beziehung der beiden Mädchen ein Leben lang prägen wird.  

Diese Kindheitsepisode bildet die Schlüsselszene des Textes. In weiteren Szenen wird deutlich, dass sich die Beziehung zwischen Beatrix und ihrer Mutter im Verhältnis zu Beatrix' eigener Tochter Thea fortsetzt und auch noch, in der dritten Generation, die Beziehung zu Theas Tochter Imogen prägt. Der Gedanke der Folgerichtigkeit und Determiniertheit des Schicksals, der sich nicht nur hier zeigt, scheint mir allerdings ein wenig zu dick aufgetragen. Weil der Text so viele sensiblere, intensivere und überzeugendere Bilder, Themen und Urteile enthält, könnte er auf eine solche etwas zu nahe liegende Interpretation gut verzichten. Bestechend ist dagegen die Dramaturgie der Ereignisse, deren tragischen Höhepunkt Imogens Misshandlung durch ihre Mutter Thea bildet, infolge der das dreijährige Mädchen erblindet und in einer anderen Familie untergebracht wird.  

Zu Rosamond darf Imogen noch eine Zeitlang Kontakt halten, wenn auch unregelmäßig und selten. Mit ihrer Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit bezaubert sie ihre Umwelt und besonders Rosamond, die sich für sie verantwortlich fühlt. Sie resümiert: "Ja, es ist wahr, nichts davon hätte je geschehen dürfen, es waren alles furchtbare, schreckliche Fehler, und doch, sieh doch, wohin sie geführt haben. Sie haben zu dir geführt, Imogen! (…) Alles an dir hat eine absolute Richtigkeit." Die ungewöhnlichen und widerständigen Frauenschicksale, die in diesem Buch erzählt werden, rechtfertigen solche enthusiastischen Sätze.

Claudia Biester, Frankfurt am Main

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Deutsche Verlags-Anstalt
Erscheinungsdatum
2009
ISBN/EAN
978-3-421-04367-2
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
304
Preis
18,95 €
Status
nicht lieferbar