Patricia Duncker
Der Komponist und seine Richterin
Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Am Neujahrsmorgen des Jahres 2000 entdecken Jäger im französischen Jura zwölf Tote im winterlichen Wald. Die Erwachsenen liegen in einer Kreisformation, ihre Kinder, ebenfalls tot, sind zu ihren Füßen gelagert. Keiner der Toten galt als Fanatiker, alle waren angesehene, beruflich erfolgreiche Persönlichkeiten. Durch ihren Tod werden sie als Anhänger "des Glaubens" erkennbar. Auch sechs Jahre vorher hatte es schon einen Gruppenselbstmord gegeben, damals auf schweizerischer Seite und auch damals waren es Anhänger "des Glaubens". Die französische Richterin Dominique Carpentier wird für den Fall zuständig. Mit ihr gemeinsam ermittelt André Schweigen, Kommissar und hoffnungslos in sie verliebt. Beide hatten auch mit dem ersten Selbstmord zu tun. Die rationale, aufgeklärte, skeptische Richterin ist über den Ermittlungen längst zur Expertin für Sekten und okkulte Religionsgemeinschaften geworden, ausgestattet mit einer umfangreichen einschlägigen Handbibliothek.
Auf den ersten Blick folgt der Roman dem bewährten Aufbau eines guten Krimis, doch dieses Genre interessiert die Autorin nicht, immer stärker werden die philosophisch-religiösen Nebenwege der Geschichte. Ein altes, in Geheimschrift verfasstes heiliges Buch der Sekte führt in eine kleine Lübecker Druckerei. Zufall, dass in der norddeutschen Stadt gerade Friedrich Grosz, berühmter Komponist und Dirigent ein Gastspiel hat? Alles deutet darauf hin, dass es sich bei diesem charismatischen Künstler um den geistigen Anführer der Sekte handelt. Carpentier, die ewig nüchterne wird konfrontiert mit "seiner" Musik und ist durch sie beunruhigt, wie überhaupt der Kontakt zu ihm sie langsam aus dem Gleichgewicht bringt. Geheimwissen, uralte religiöse Texte, Astrologie und Mythologie - entfalten in dem Roman eine höchst lebendige Sphäre neben der realen Welt, in der die Sektenmitglieder so erfolgreich waren und in der die Richterin ganz und gar zu leben meint. Warum schließen sich solche Menschen einer Sekte an, die eschatologisches Heil verspricht? Vernunft und Glaube im Dialog - oder vielleicht besser: Rationales und Irrationales? Hier lässt sich das Thema des Buches lokalisieren. Das emotionale Beziehungsgeflecht der exzentrischen Protagonisten sowie jede Menge schriftstellerische Phantasie, Streifzüge in die europäische Lyrikgeschichte und der eine oder andere Ausflug in antike und biblische Mythologie machen das Ganze jedenfalls zu einem unterhaltsamen, leichten Roman.
Claudia Biester, Autorenbuchhandlung Marx & Co., Frankfurt
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Berlin Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2010
- ISBN/EAN
- 978-3-8270-0915-9
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Preis
- 4,99 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Patricia Duncker, geboren 1951, ist die Autorin von fünf Romanen, zwei Sammlungen von Kurzgeschichten und zahlreichen Essays. Sie lehrt Literaturwissenschaften an der University of Manchester.