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Cover: Der karibische Dämon

David Chariandy

Der karibische Dämon

Roman. Aus dem Englischen von Melanie Walz

Ein junger Mann kehrt zurück ins Elternhaus, in dem nur noch seine alte Mutter lebt. Zwei Jahre zuvor war der damals Fünfzehnjährige daraus geflohen. Vor ihrer zunehmenden Verrücktheit, Demenz und Hilflosigkeit.
Jetzt fühlt er sich den Dämonen gewachsen, die mit ihr vor Jahren aus der Karibik nach Kanada eingewandert sind. Er fühlt: Nur wenn er in ihrem immer trüber werdenden Verstand die Geheimnisse ihrer Vergangenheit aufspüren kann, wird er seine eigene Geschichte entdecken, eine eigene Identität gewinnen.

Als sein Vater stirbt und der Bruder das Weite sucht, hält es auch der jüngere Sohn nicht mehr in dem alten, immer morscher werdenden Haus am Rand von Toronto aus, allein mit seiner Mutter, deren Verwirrung und Seltsamkeiten schon seit Jahren zunehmen. 

Als er nach zwei Jahren aus einer Mischung von Schuldgefühl und Anhänglichkeit zurückkehrt, ist die alte Frau vollends in die Demenz abgetaucht. Aber trotz ihres aberwitzigen Verhaltens, das sie auch den Sohn kaum noch erkennen lässt, hat sie Momente der Klarheit. Dann tauchen Erinnerungen aus der Vergangenheit auf: die Namen von fünfzig unterschiedlichen Mangosorten aus der Karibik, alte Lieder. Aber auch Erinnerungen an ihre eigene Mutter, an schreckliche Begebenheiten und an einen Dämon, dem sie als Kind begegnet ist.

Neugierig geworden, versucht der Sohn die Mosaiksteinchen zu einem Bild des Lebens der Mutter zusammenzusetzen. Die Kindheit in Trinidad, das Verlassen der Heimat, die Jahre in Kanada. Er versucht zu verstehen, warum sie so seltsam wurde, dass sie in der Nachbarschaft nur „die Verrückte“ hieß. Er beginnt zu ahnen, dass sie den Dämon, dem sie in der Kindheit begegnet ist, mitgebracht hat in das neue Land und dass es jetzt, wo ihr Gedächtnis verschwindet, für ihn wichtig ist zu begreifen, was mit ihr geschah. Denn nur so kann auch er lernen, sich selbst zu verstehen: als einen jungen, farbigen Kanadier, der ohne das Wissen um seinen kulturellen und familiären Hintergrund ein Entwurzelter bleiben wird. 

Der karibische Dämon ist ein ruhiges Buch, nichts an der Geschichte ist effekthascherisch auch wenn einiges drastisch und zuweilen äußerst komisch erzählt ist. Chariandy hat einen einfühlsamen Ton für seine Figuren gefunden und betreibt, auch wenn sie karibisch-englischen Einwandererslang sprechen, keinen Multikulti-Exotismus. Immer behalten seine Protagonisten ihre Würde, und es wird deutlich, woran Menschen zu tragen haben, die aus anderen Kulturen in unsere sogenannten hochentwickelten Gesellschaften kommen. Wie schwer, aber auch wie wichtig es ist, das eigene kulturelle Gedächtnis zu behalten und dass, wo dies nicht geht, die Amnesie die Auslöschung der Person zur Folge hat.  

Ruth Roebke, Autorenbuchhandlung Marx & Co., Frankfurt     

Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.

Verlag
Suhrkamp Verlag
Erscheinungsdatum
2009
ISBN/EAN
978-3-518-42065-2
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
205
Preis
16,80 €
Status
nicht lieferbar