T.C. Boyle
Das wilde Kind
Erzählung. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Was eigentlich ist "zivilisiert" zu nennen und was "wild" und "unzivilisiert"? Diese Frage schwebt wie ein Leitmotiv über dieser beeindruckenden Erzählung von T. C. Boyle. Darin berichtet er die, an sich nicht unbekannte, Lebensgeschichte von Victor von Aveyron, einem Wolfskind, das Ende des 18. Jahrhunderts in Südfrankreich im Alter von acht oder neun Jahren entdeckt wurde. Als Fünfjähriger war er im Wald ausgesetzt worden; man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten, aber nicht ganz, und so hatte er überlebt. Zwar entwischt er den Männern, die ihn zuerst aufspürten, aber die Nachricht von ihm verbreitet sich rasch, eine Mischung aus Neugier, Faszination und Furcht nähren das Interesse an ihm. Schließlich, nachdem Victor mehrfach geflohen, wieder eingefangen worden, als Sensation ausgestellt und wieder geflohen ist, kommt er in die Obhut von Jean Itard.
Der ehrgeizige Leiter des Pariser Taubstummen-Instituts nimmt ihn in seinen Haushalt auf und versucht mit allen Kräften, seinen Zögling zu "kultivieren". Seine minutiös dokumentierten, langjährigen Erziehungsversuche stoßen bei der Pariser Öffentlichkeit und der gelehrten Gesellschaft auf großes Interesse. Victor lernt auch recht bald, ein warmes Bad zu schätzen und Kleider zu tragen - geringeren Erfolg hat Itard allerdings damit, Victor Sprechen und Sprachverständnis zu vermitteln. Itard ist ein leidenschaftlicher, ambitionierter Pädagoge, und das "wilde Kind" wird ihm zum akribisch erforschten Beweismaterial für seine philosophischen, anthropologischen und pädagogischen Überzeugungen. Itard bemüht sich zuverlässig um Victor, und auch als sein Interesse wegen der ausbleibenden Erfolge erlahmt, lässt er noch für ihn sorgen; aber seine Zuwendung ist nicht liebevoll oder selbstlos und Victor selbst eignet nichts Anrührendes, mit Ausnahme seiner erbärmlichen Schwäche.
Der "beobachtende Blick" des Erzählers ist faszinierend, und auch wenn es reichlich Szenen gibt, die Boyles so oft bewunderte sarkastische Komik geradezu herauszufordern scheinen, verzichtet er darauf und bleibt in seinem Bericht, auch wenn er sich der Wertungen keineswegs enthält, zurückhaltend gegenüber seinen Figuren. An keiner Stelle gibt er Itard oder seinen Schützling der Lächerlichkeit preis. Sehr streng, sehr dicht ist dieser Text komponiert, kaum eine Abschweifung gönnt er dem Leser.
In der amerikanischen Originalausgabe ist "Das wilde Kind" als Titelgeschichte in einem Erzählungsband erschienen. Der Münchner Carl Hanser Verlag hat sich entschieden, sie separat zu veröffentlichen.
Claudia Biester, autorenbuchhandlung marx & co., Frankfurt am Main
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Hanser Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2010
- ISBN/EAN
- 978-3-446-23514-4
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 112
- Preis
- 12,90 €
- Status
- nicht lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
T.C. Boyle, 1948 geboren in Peekskill, New York, wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf. Nach ausschweifenden Jugendjahren in der Hippie- und Protestbewegung der 60er Jahre war Boyle Lehrer an der High School in Peekskill und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten in namhaften Zeitschriften. Heute lebt er mit seiner Frau und drei Kindern in Kalifornien und unterrichtet an der University of Southern California "Creative Writing".