Mirko Bonné
Ausflug mit dem Zerberus
Roman
Was sehen wir, wenn wir reisen? Das, was wir an Bildern bereits in uns haben, was uns Kataloge und Medien vorgegeben haben, das also, was wir sehen wollen oder glauben, sehen zu müssen. Immer war jemand schon vor uns da und hat es beschrieben, gemalt, fotografiert, gefilmt. Wie also reisen in einer Zeit, die sich der Unmöglichkeit des unbefangenen Blicks bewusst ist? Mirko Bonné löst das Dilemma, indem er seine eigenen Bilder, sein eigenes, wesentlich literarisches Bezugssystem in den Mittelpunkt seiner Reisetexte stellt, dessen Eckpunkte Camus, W. G. Sebald, Walt Whitman und Keats bilden. Die Reise beginnt mit dem Ort im Tessin, an dem - vermutlich - Trakl gelebt hat. Aber wer verleiht hier wem Authentizität - die Person dem Ort oder der Ort der Person? Oder der Reisende selbst, der beides verbindet? Ob auf der Antarktis-Kreuzfahrt, an der der Autor als "literarischer Entertainer" teilnimmt, der zusammen mit Vogelkundlern und Geologen die Gäste unterhalten soll, oder bei seinem Aufenthalt in New York, immer steht die Frage im Mittelpunkt, wie sich der abhanden gekommene Zugang zur Wirklichkeit der Natur, zum "nackten Fleisch der Dinge", wiederfinden lässt.
Für den Autor führt der Weg über die Literatur, über die Gedichte, an deren Entstehungsprozess er uns teilnehmen lässt. Bei der nächsten Station der Reise schließlich, in New York, schildert er dann in herzzerreißend melancholischen und durch und durch klugen Passagen den Kontrast zwischen den Bildern, die wir alle von der Stadt im Kopf haben, und dem, was er "wirklich" sieht. Die Poesie der Ortsnamen löst sich in die Tristesse von Schlafstädten und Factory-Outlets auf. Das so oft gefeierte Lebensgefühl von Manhattan verschwindet in einer höflichen, glatten Kälte. Die wird schließlich zum Ausgangspunkt für die letzte Reise, die ihn in die Heimat seiner Kindheit führt - und zurück zu dem Hund, der hier nicht der titelgebende Zerberus ist, sondern sein neuzeitliches literarisches Gegenstück: der Hund von Baskerville, dessen Bild im Zimmer des Großonkels hing und das Kind erschreckte. Der Tod, dieses letzte Ziel am Ende der Reise, wird hier in einer atemberaubenden Volte in die Kindheit verlegt, und der unheimliche, gefährliche Hund zum Todbringer, dem, anders als Orpheus, nur entgehen kann, wer sich ihm zuwendet und ihm fest in die Augen blickt.
"Ausflug mit dem Zerberus" ist ein ganz ungewöhnliches, ganz wunderbares Buch, das formal wie inhaltlich jeden Rahmen sprengt. Keine "leichte", aber eine ausgesprochen lohnende Lektüre.
Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main
- Verlag
- Schöffling Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2010
- ISBN/EAN
- 978-3-89561-404-0
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 288
- Preis
- 19,90 €
- Status
- lieferbar
Zur Autorin / Zum Autor
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, hat neben Übersetzungen der Lyrik u.a. von John Keats, e.e. cummings und William Butler Yeats mehrere preisgekrönte Romane und Gedichtbände veröffentlicht. Zuletzt erschien bei Schöffling 2009 der Roman "Wenn wir verschwinden".