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Cover: Anständig essen

Karen Duve

Anständig essen

Ein Selbstversuch

Jiminy Grille, das personifizierte Gewissen der Holzpuppe Pinocchio, ist der Name, auf den Karen Duve die Mitbewohnerin in ihrem Haus auf dem Land im Brandenburgischen getauft hat. Denn Jiminy Grille lebt konsequent Bio, überwiegend vegetarisch und hält mit ihrer Meinung über Duves Ernährungsgewohnheiten nicht zurück. Die sind, für bundesrepublikanische Verhältnisse, völlig normal. Viel Fleisch, viele Fertiggerichte, Cola, Sweeties. Irgendwo, tief hinten in ihren Gehirnwindungen und ihrem Gewissen, weiß Duve (wie wir alle), wie unsere industriell erzeugten Lebensmittel produziert werden, und als sich das nicht mehr verdrängen lässt, startet sie einen Selbstversuch. Jeweils zwei Monate lang lebt sie als konsequente Bio-Esserin, als Vegetarierin, Veganerin und zum Schluss als Frutarierin (das sind die, die nur noch essen, was die Erde "freiwillig" hergibt).

Dazu beginnt sie zu recherchieren, was es mit der jeweiligen Lebensweise und den dabei "erlaubten" Lebensmitteln auf sich hat und wie sich diese im Verhältnis zur herkömmlichen Lebensmittelproduktion verhalten. Wie Bio ist Bio? Was heißt Freilandhaltung? Warum essen wir überhaupt Tiere? Woher nehmen wir das Recht, Kälber von ihren Muttertieren zu trennen, weil wir an die Milch wollen? Bedeutet bewusster essen nur aufzupassen, dass es mir besser geht? Und da Duve jede der Ernährungsweisen bis zum ideologischen Ende durchtestet, wird es schnell ziemlich grundsätzlich. Was "gönne" ich mir auf wessen Kosten? Worauf kann ich verzichten und wo fängt der ideologische Tunnelblick an? Am Ende des Experimentes ist Duve kein besserer Mensch geworden, aber in die alten Lebensweisen will sie auch nicht zurück.

Karen Duve verschont die Leser nicht mit drastischen Beschreibungen der Zustände in der Massentierhaltung, gibt Daten und Fakten zum Pflanzenanbau. Selbst das kuschelige Daunenkissen verliert seine Unschuld, wenn man erfährt, dass viele Daunen von lebenden Gänsen "geerntet" werden - und zwar mehrmals in deren Leben.

Sie hält den Lesern deutlich die Konsequenzen ihres "Wohllebens" vor. Aber wann immer sie ethische Fragen stellt, stellt sie diese zunächst einmal sich selbst. Dabei ist sie durchaus polemisch und überlässt es den Lesern, ihr Verhalten zu hinterfragen. Sie zieht ihre Schlüsse und Konsequenzen, kommt aber nie mit dem moralischen Hammer. Zudem macht ihre Subjektivität das Buch ungeheuer lesbar, denn Duves Erfahrungen mit dem "anständig essen" sind spannend, beklemmend, aber auch herrlich locker, trocken und stellenweise zum Brüllen komisch.

Für alle, die gerne hören: "Anständig essen" ist bei Roof Music als Hörbuch erschienen und macht richtig Spaß! Duves plaudernder Stil ist ideal für die akustische Aufbereitung. Die Autorin liest selbst. Das macht sie nicht ganz so glatt wie professionelle Sprecher, dafür klingt der Text sehr direkt und authentisch. Man nimmt der Autorin/Sprecherin ihre zunehmende Wut und Betroffenheit genauso ab wie die Komik vieler Passagen. Sehr zu empfehlen!

Ruth Roebke, Autorenbuchhandlung Marx & Co., Frankfurt

Verlag
Galiani Berlin
Erscheinungsdatum
2010
ISBN/EAN
978-3-86971-028-0
Format
Einband - fest (Hardcover)
Seiten
280
Preis
19,99 €
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor

Karen Duve, 1961 in Hamburg geboren, lebt mit einem Maultier, einem Pferd, einem Esel, zwei Katzen und zwei Hühnern auf dem Lande in der Märkischen Schweiz. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. "Weihnachten mit Thomas Müller" und "Thomas Müller und der Zirkusbär" sind inzwischen Klassiker, ihre Romane "Regenroman" (1999), "Dies ist kein Liebeslied" (2002), "Die entführte Prinzessin" (2005) und "Taxi" (2008) waren Bestseller und sind in 14 Sprachen übersetzt.