Empfehlung von
Alena Heinritz, Insbruck
Filip Florian
Alle Eulen
Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht
Als Elfjähriger begegnet Luci in seiner kleinen Heimatstadt in den Karpaten Emil, einem Ingenieur im Ruhestand; als junger Mann schneidet er dann die autobiografischen Aufzeichnungen Emils mit seinen eigenen Kindheitserinnerungen zusammen. Gemeinsam umfassen beide Lebensgeschichten eine Zeitspanne, die von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart reicht. Von Emil lernt Luci viele wichtige Dinge, unter anderem die Sprache der Eulen. Die Eulen sind es auch, die die zunächst sehr unterschiedlichen Lebenserzählungen verbinden. So könnte man Filip Florians Roman „Alle Eulen“ auch als Novelle lesen, die um die Begegnung mit den Eulen kreist.
Die Geschichte beginnt im Jahr 2000, als sich der elfjährige Luci und der sechzigjährige Emil begegnen. Emil rettet Luci vor einer Tracht Prügel, die der Junge wegen eines Streichs erhält. Er nimmt ihn mit zu sich nach Hause, um ihm die Wunden zu verarzten und ihn zu bewirten. Während Luci allein in Emils Arbeitszimmer auf den älteren Herren wartet, entdeckt er auf Emils Schreibtisch ein gelbes Heft. Neugierig beginnt er zu lesen und stellt schnell fest, dass es sich dabei um die Aufzeichnungen Emils über seine Kindheit handeln muss. Eben dieses Heft ist es, das Emil Luci Jahre später anvertraut und das Luci dann, gemeinsam mit seinen eigenen Erinnerungen, herausgibt.
Luci und Emil werden Freunde. Sie machen lange Spaziergänge durch den Wald, und Emil lehrt Luci, Eulen mit einem Ruf heranzulocken. In der Erinnerung des erwachsenen Luci, der seine Geschichte erzählt, verwandelt sich der Wald, in denen Luci mit Emil herumstreift, dann in einen Märchenwald, und die Begegnung mit den Eulen wird zu einem beinahe unwirklichen, aber nicht weniger prägenden Erlebnis. So wie er versucht, den Blick einer Eule zu imitieren, so bemüht sich Luci, hinter das Geheimnis von Emils Erfahrung und Gelehrsamkeit zu kommen. Und beides scheint zusammenzuhängen, denn erst unter dem Blick der Eule vor dem Fenster gelingt es Emil, seine Erinnerungen niederzuschreiben.
Die eigentliche Begegnung zwischen Luci und Emil aber findet auf der Ebene ihrer Geschichten statt. Zunächst unterscheiden die sich stark voneinander und beschreiben einen ganz anderen Erfahrungshorizont – einmal den aus der Mitte des 20. Jahrhunderts unter kommunistischer Diktatur und einmal den um die Jahrtausendwende, die noch geprägt ist vom politischen Umbruch der Wendezeit. Während Emil von den amerikanischen Bombenangriffen 1944 in Bukarest, dem Schicksal seines Vaters und Großvaters, die beide 1948 verhaftet werden, ihrer Rückkehr und von seiner Heirat mit Lia berichtet, erzählt Luci von den Unternehmungen mit seinen Freunden, den Sommerferien, abenteuerlichen ersten Versuchen im Bergsteigen und von seinem Erwachsenwerden. Plötzlich aber sind die Geschichten von Luci und Emil aus der Kindheit gar nicht mehr auseinander zu halten, sie nähern sich an, so wie sich auch die Protagonisten in ihrer Begegnung in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts annähern.
Von Emil wird Luci nicht nur in die Kunst eingeführt, Tiere zu beobachten, sondern auch in Musik und Literatur. So gibt Emil das Vermächtnis seines Großvaters an Luci weiter. Der nämlich lernte während seiner Gefangenschaft, als ihn schon die Hoffnungslosigkeit ganz zu überwältigen drohte, einen Dichter kennen. Mit dessen Hilfe wurde die Literatur für Emils Großvater zum Ariadnefaden, der ihn aus der Trostlosigkeit der der Gefangenschaft leiten sollte. Was für Emils Großvater aber in der Gefangenschaft die Literatur bedeutete, sind für Emil und Luci die Begegnungen mit den Eulen. Sie spenden Trost und bilden die Grundlage lebenslanger Freundschaft.
Wunderbare Formen findet Florian für das Erzählen von Familiengeschichte. Da ist zum Beispiel Emils Traum, in dem ein Architekt vor den Augen von Emils Mutter auf dem Reißbrett einen Entwurf zeichnet. Der Architekt lässt die Zeichnung auf ein Stück Land fallen, und sofort wächst aus der Zeichnung ein Haus: das Schulhaus der Mutter. So lässt der Architekt nach und nach vor den Augen der Mutter die zentralen Gebäude aus der Familiengeschichte entstehen, bis er schließlich, zum Entzücken der zusehenden Mutter, ihr Traumhaus hervorzaubert. Als Emil aus diesem Traum dann erwacht, ist ihm, „als wäre mein Herz in Honig gebadet“. Ein Gefühl, in dem sich auch der Leser wiederfindet, nachdem Florian, ganz ähnlich wie der Architekt in Emils Traum, die Geschichte von Emil und Luci vor ihm hat entstehen lassen.
Dieser Titel ist nicht mehr lieferbar.
- Verlag
- Matthes & Seitz Verlag
- Erscheinungsdatum
- 2016
- ISBN/EAN
- 978-3-95757-221-9
- Format
- Einband - fest (Hardcover)
- Seiten
- 213
- Preis
- 19,90 €
- Status
- vom Verlag als vergriffen gemeldet
Zur Autorin / Zum Autor
Filip Florian, geboren1968 in Bukarest, arbeitete nach dem Studium der Geologie und Geophysik als Journalist für die Zeitschrift »Cuvintul«, anschließend für Radio Freies Europa und die Deutsche Welle. Er hat zudem mehrere preisgekrönte Romane verfasst und lebt in Bukarest.