Zum Buch:
Ein Buch ohne Worte, das mehr Geschichten erzählt, als hundert Seiten fassen könnten: Der italienische Illustrator Alessandro Sanna hat aus Farbe, Licht und Wasser einen Zyklus geschaffen, der vom Leben am Fluss erzählt, zuweilen die Zeit still stehen lässt und dabei zum Träumen einlädt.
Der Fluss liegt da, ein stilles, weißes Band im Abendlicht. Glücklich und ein wenig müde sind der alte Mann und sein Hund in das rote Auto gestiegen. Die beiden haben den ganzen Tag am Flussufer verbracht, die Angel aufgestellt im Schatten der Pappeln. Die schlanken Konturen der Spiegelbäume zerfließen im Wasser. Aus dem silbrigen Tagesgeflüster der Blätter ist ein leises Raunen geworden. Bald werden sie schweigen, dann, wenn die Dämmerung den Himmel überzieht. Das alte Tor und sein gefiederter Hüter lassen Herrn und Hund im Automobil bereitwillig passieren. Auf dem sandigen Weg erreichen sie ihr Zuhause noch vor Einbruch der Dunkelheit.
So könnte die Geschichte lauten, die die drei Panoramen des Buchcovers erzählen, so oder ganz anders. Der Abend könnte ein Morgen sein, die Insassen des Autos unterwegs zu einer Hochzeit. Alessandro Sanna lässt mit seinen Bildern vom Fluss beim Betrachter immer wieder andere Phantasien erblühen – eine Metamorphose der Farben, der Stimmungen und der Jahreszeiten. Jede Seite ist eine komponierte Einheit, die schmalen Panoramen entfalten ihre Wirkung, jedes für sich, besonders aber auch im Zusammenspiel.
Sannas Buch ist ein Labsal für Augen und Seele. Wer sich erholen möchte von Buchstaben, Wörtern, Sätzen und ihren Doppeldeutigkeiten, kann im Nebel über den Fluss gleiten wie der Schiffer, mit dem Paar vom Jahrmarkt in die Nacht hinaus radeln, um im Mondschein zu tanzen, oder seinen Blick auf den Kreisen ruhen lassen, die der Regen auf den dunklen Fluss malt. Die Geschichten kommen dann wie von selbst. Und sie gehen wieder, um der kontemplativen Stille Platz zu machen, die so selten geworden ist in unserer Zeit.
Susanne Rikl, München