wunnicke

Drucken

Alle Empfehlungen

Autor
Sanghvi, Vir / Mukherjee, Rudrangshu

Indien einst & jetzt

Untertitel
Aus dem Engl.von Christel Klink & Stefanie Schaeffler
Beschreibung

Indien – ein Augenschmaus: Der prächtige Bildband schafft es, das alte und das neue Indien in beeindruckenden Fotos und fundierten Texten vorzustellen.

Verlag
Frederking & Thaler, 2006
Format
Gebunden in Schuber
Seiten
274 Seiten Seiten
ISBN/EAN
978-3-89405-669-8
Preis
50,00 EUR

Zum Buch:

Dass Indien sich in den letzten 20 Jahren vom notorischen Entwicklungsland zu einem ökonomischen und kulturellen global player gemausert hat, ist kaum noch zu übersehen. Spätestens mit dem Ruf nach indischen IT-Experten sickerte es auch hierzulande ins breitere öffentliche Bewusstsein: Die stereotypen Bilder des Subkontinents – strukturelle Armut, krasse Ausbeutung, ein vormodern anmutendes Kastenwesen einerseits, größte Demokratie der Welt, Land des gewaltlosen Widerstands und zum Mythos verklärtes Traumziel von Hippies und spirituellen Sinnsuchern andererseits – sind bloße Schimären. Indien ist all das höchstens ein bisschen, und es ist noch viel mehr. Vor allem ist das Land so ungeheuer groß, divers und vielschichtig, dass noch jeder Versuch, den Subkontinent auf einen Nenner zu bringen, gescheitert sein dürfte. Den Autoren und dem Bildredakteur des beeindruckenden Bandes „Indien Einst & Jetzt“ ist dafür zu danken, dass sie einen solchen ohnehin zum Scheitern verurteilten Versuch nicht erst unternommen haben. Das ganze große Indien, seine Vergangenheit und seine Gegenwart auf weniger als 300 Seiten darzustellen, hätte nicht gelingen können. Dennoch ist der vorgelegte Band keine bloße Ansammlung belangloser Impressionen des ach so großen, bunten Fabelreichs im Orient, sondern vermitteln die Bilder und Texte eine faszinierende Gleichzeitigkeit von uralten Traditionen und atemberaubendem Fortschrittsdrang, die Indien mindestens zu einem erheblichen Teil ausmacht. Das Buch besteht aus zwei Teilen, die auch buchbinderisch klar getrennt sind: Ein Teil enthält historische Aufnahmen aus der Zeit bis zur Gründung der unabhängigen Republik im Jahr 1947. Der zweite Teil des Buches, vom anderen Ende aus beginnend, versammelt Fotografien aus der Gegenwart. Eingeleitet werden beide Teile von Essays, die dem Betrachter Orientierungsmarken mit auf die Reise durch die Bilderwelt geben. Für den historischen Teil des Bildbandes zeichnet mit Rudrangshu Mukherjee ein indischer Kosmopolit verantwortlich, der die Distanz des Historikers mit dem Aktualitätssinn des Journalisten vereint. Nach dem Studium in Indien und England, lebte und lehrte Mukherjee in beiden Ländern sowie den USA. Sein einleitender Beitrag zum historischen Fototeil des Bandes spannt auf gut 30 Seiten einen Bogen von den Spuren prähistorischer Besiedlung über die indischen Großreiche, die Entstehung des Hinduismus, die anschließenden Einfälle muslimischer und buddhistischer Herrscher, den Aufstieg und Fall der Moguln, den aufkeimenden Einfluss europäischer Handelskompanien, bis hin zur britischen Kolonialherrschaft und ihrer Beendigung durch die indische Nationalbewegung unter Gandhi und Nehru. Freilich kann dieses historische Fresko nur große Schneisen schlagen. Diesen Dienst leistet es allerdings auf informative Weise mit einer gelungenen Mischung aus Ereignis- und Strukturgeschichte. Vir Sanghvi, Verfasser des Textbeitrags über das zeitgenössische Indien, führt aus der Perspektive des politischen Publizisten in sein Land ein und verbindet das politische Sittenbild mit Anschauungen eines alltagskulturellen Sinns der Inder für Neues, der eines ihrer Erfolgsmomente auszumachen scheint: „Was immer bei uns landet – wir machen im Nu etwas Indisches draus.“ Auch wenn Sanghvi dies mit Blick auf die kulinarische Vielfalt seines Heimatlandes pointiert, ist auch die unübersehbare Vielfalt an Religionen, Philosophien und politischen Weltanschauungen, die sich im Laufe der Zeit ansiedelten und im heutigen Indien koexistieren, ein beredter Ausdruck eben der Tradition, mit Differenz symbiotisch umzugehen. Trotz seines optimistischen Gesamttenors verschweigt Sanghvi nicht, dass es neben den fulminanten Erfolgen, die Indien wirtschaftlich, kulturell und technologisch in den vergangenen zwei Dekaden für sich verbuchen konnte, auch weiterhin enorme Disparitäten und vor allem ein massives Stadt-Land-Gefälle gibt. Damit gelingt auch für das moderne Indien ein knappes Porträt, das nicht verkürzt. Den Großteil des Buches machen freilich die beeindruckenden Fotografien aus, die Pramod Kapoor zusammengestellt und sorgfältig hat kommentieren lassen. Seit er in einem Londoner Fotoarchiv auf, wie er selbst schreibt, „unglaubliche Panoramabilder“ aus den letzten Tagen der Maharajas stieß, förderte er in diversen Archiven rund um den Globus tatsächlich unglaubliche fotografische Dokumente aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zutage, an denen er uns mit diesem fabelhaften Bildband teilhaben lässt. Auch für die visuelle Repräsentation des Indiens der Gegenwart zeigt der Band mit einer Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Feier- und Straßenszenen, menschlichen und tierischen Porträts und Aufnahmen zeremonieller Kulthandlungen ein so pralles wie widersprüchliches Bild des Subkontinents – ein Augenschmaus, der nur während einer Reise durch Indien zu übertreffen ist und eine solche im übrigen auch wunderbar vorzubereiten hilft!

Sabine Mannitz, Frankfurt/Main