Zum Buch:
James Rhodeswächst in einem wohlhabenden Londoner Stadtteil auf und besucht eine Privatschule. Im Alter von sieben Jahren wird er dort zum ersten Mal von einem Sportlehrer vergewaltigt. Die kommenden Jahre werden für den Jungen zum Martyrium, da der Missbrauch weiter anhält. Seine Versuche, sich Erwachsenen seiner Umgebung mitzuteilen, scheitern, da niemand das Offensichtliche wahrnehmen will. Als er nach Jahren die Schule wechseln kann, ist es bereits zu spät: Gefühle von Schuld, Ausgeliefertseins, Selbsthass und Selbstmitleid begleiten ihn seitdem und machen sein Leben zu einer Höllenfahrt. Drogenabstürze, Entzüge, Selbstverletzung, Suizidversuche und Aufenthalte in geschlossenen Kliniken wechseln sich ab. Das Einzige, was ihm immer wieder eine Atempause verschafft, ist Musik. Klassische Musik. Er beginnt, Klavierspielen zu lernen, und in den Zeiten zwischen den Schüben der Selbstzerstörung lässt die Musik ihn so etwas wie Ruhe und Hoffnung fühlen. Sie gibt ihm die Kraft, immer wieder zu versuchen, sich aus dem Sumpf, in dem er zu versinken droht, herauszuziehen, und sie ist der Weg, der ihn zu Menschen führt, bei denen er lernt, nach und nach verlässliche Beziehungen aufzubauen.
„Der Klang der Wut“ ist eine wilde Abrechnung mit und eine Hymne auf das Leben. Der Text strotzt voller A- und F-Wörter, er ist hemmungslos, offen bis zur Schmerzgrenze, öfter auch redundant – er schlägt buchstäblich um sich. Aber er ist auch zart, anrührend, klug und voller Kraft. Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen Text über einen Komponisten und ein Musikstück und die Bedeutung, die es für Rhodes hat. Wie alles in diesem Buch radikal subjektiv, aber gerade darin erhellend und originell. Was Klavierspiel einem Interpreten wirklich abverlangt, habe ich hier zum ersten Mal wirklich verstanden.
Weshalb soll man das lesen? Rhodes gelingt es, dem Leser erfahrbar zu machen, wie Missbrauch den Körper und die Seele eines Kindes zerstört (ohne ins Detail zu gehen) und trotz allem eine Art von Heilung möglich ist. In seinem Fall durch Musik und Liebe. Nicht die „romantische, große Liebe“, sondern die Liebe zu seinem Kind, die selbstlose Liebe von Freunden und schließlich die tiefe, verlässliche Liebe zu seiner zweiten Frau. Und durch die Musik, die ihm zu einem eigenen Ausdruck verhilft, aber auch durch das disziplinierte Üben und die Konzentration alle anderen Gedanken verdrängt.
Inzwischen ist Rhodes ein bekannter Pianist geworden. Berühmt nicht nur für seine Fähigkeiten im Spiel, sondern für eine gänzlich neue Art von Konzerten. Er will explizit ein junges Publikum ansprechen, und besonders die, denen „Klassik“ bisher fremd ist. In seinen Darbietungen spricht er über die Komponisten, ihre Musik und was diese für ihn bedeutet. Ihm ist es gleich, ob das Publikum nach jedem Satz eines Stückes klatscht, ob es Getränke mit in den Saale nimmt, ob es „korrekt“ gekleidet ist und der Veranstaltung mit dem gebührenden Ernst folgt. Er will, dass die Menschen von der Musik ergriffen werden und etwas von dem fühlen, was ihn bewegt – und gerettet hat. Und das scheint großartig zu funktionieren.
Ruth Roebke, autorenbuchhandlungmarx&co, Frankfurt