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Autor
Reetz, Bärbel

Hesses Frauen

Untertitel
Beschreibung

Im März 1925 schreibt Mia Hesse, die erste Ehefrau Hesses und Mutter seiner drei Söhne, an eine Freundin: »Ich fühle mich nicht mehr mit ihm verbunden. Ich könnte nie mehr mich seiner Überlegenheit fügen. Das ist vorbei, denn er kann mir nur noch als Dichter etwas geben.« Da war Hermann Hesse bereits seit zehn Monate mit der 20 Jahre jüngeren Sängerin Ruth Wenger verheiratet, von der er sich 1927 scheiden ließ, um vier Jahre darauf die 19 Jahre jüngere Ninon Dolbin-Ausländer zu heiraten.
Gestützt auf Dokumente aus dem Nachlaß, darunter zahlreiche unveröffentlichte Briefe, richtet Bärbel Reetz ihren Blick auf Hermann Hesses Frauen, die Fotografin Maria Bernouilli, die Sängerin Ruth Wenger und die Kunsthistorikerin Ninon Dolbin-Ausländer. Der Band enthält zahlreiche, bisher unveröffentlichte Abbildungen.
(ausführliche Empfehlung unten)

Verlag
Insel Verlag, 2012
Format
Taschenbuch
Seiten
426 Seiten
ISBN/EAN
978-3-458-35824-4
Preis
16,99 EUR

Zum Buch:

Hermann Hesse berichtet in “Erinnerungen an meinen Großvater” (1916), wie er als Schüler des Klosterseminars Maulbronn im Alter von 15 Jahren von dort abgehauen, sich beinahe den Tod geholt hätte. Der Flucht folgte ein Selbstmordversuch. Die rigiden Missionarseltern brachten ihn erfolglos zum Exorzisten und ließen ihn dann wegsperren in die Psychiatrie.

Bärbel Reetz beschreibt den Vater Johannes Hesse, der an einem Buch „Vom Segensgang der Bibel durch die Heidenwelt“ arbeitete, als „Mann der depressiven Verstimmungen, den die Mutter schont und umsorgt hatte“, und weiter „Auf diesen Vater galt es Rücksicht zu nehmen, denn er ertrug keine lauten Gespräche, kein munteres Kinderlachen, kein gemeinsames Essen. `Nervenstürme´ quälten ihn, `Weinkrämpfe´, die seine Kinder verstörten.“

Hermann Hesse ließ sich nicht brechen, behauptete sich und ließ sich nicht beirren, weder was die elterlichen Befehle betraf noch darin, seinem Lebensziel zu folgen: “Von meinem dreizehnten Jahr an war mir klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wolle.”

Doch diese Unbeirrtheit hat ihren Preis und ist ihm Antrieb und Anlass zu Verzweiflung zugleich. Es werden noch viele Fluchten folgen (Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, …) und es bleibt nicht bei einem Selbstmordversuch. Tiefe Depressionen und manische Phasen wechseln sich bis weit in sein langes Leben hinein ab.

Wie, mit welch tiefen Verletzungen, unter welchen Schmerzen und mit welchen Folgen beschreibt Bärbel Reetz sehr eindrücklich und unbeschönigt in ihrer umfassenden Recherche zu Hesses Frauen.

Sie konnte dabei auf bisher nicht veröffentlichte Dokumente, darunter viele Briefe zurückgreifen, aber auch auf ihr gründliches Studium der Werke und Biografien vieler Zeitgenossen und Freunde von Hermann Hesse. Freund Hugo Ball hatte auf Hesses Bitte hin, dessen erste – von seinem, dem S. Fischer-Verlag, zum 50. Geburtstag (2. Juli 1927) gestiftete – Biografie geschrieben. Für Bärbel Reetz ist Hugo Ball eine gerne genutzte Quelle, der, wie sie schreibt, die „erste Ehe des Freundes scharfsichtig, wenn auch diskret und mit großer Zugeneigtheit“ „analysiert“.

In ihrem oft knappen und lakonischen Stil, der zugleich als Zuschreibung und Kommentar zu lesen ist, schreibt Bärbel Reetz ihren Text fast wie ein Filmskript. Ergänzt werden die Kapitel durch – immer erhellende – „Stimmen“, kurze Zitate, die wie Spotlights die gerade dargestellte Szene beleuchten sowie zahlreiche sorgfältig ausgewählte Fotos mit präziser Bildlegende.

Schon mit den jeweils ersten Sätzen der vier Hauptkapitel des Buches wird der grundlegende Impuls der Ehefrauen für das Verhältnis zu ihrem künftigen Ehemann charakterisiert. Immer war Hesse derjenige, der überredet und geheiratet wurde. Immer hatte er versucht, die Heirat abzuwehren. Die Hochzeiten und Hochzeitsreisen gerieten entsprechend grotesk.

Mia: „Juni 1904. Maria Bernouilli hat sich entschieden: hier will sie leben (…).
Sie fand das gemeinsame Haus – „Angesehen hat sich Hermann Hesse das Haus erst nach der Hochzeit.“ – und übernahm die Verantwortung dafür, wie für alle folgenden Wohnhäuser. Und so hielten es auch die Nachfolgerinnen. Hesse überließ sich ihrer Fürsorge – oder entzog sich durch Reisen.

In einem Resümee schreibt Bärbel Reetz: „So ist denn eine wesentliche Forderung Hesses an seine Frauen, in ihrer Obhut und Pflege Kind sein zu dürfen.“ Und verweist auf Hugo Balls Analyse: „Und dies ist das böse Dilemma, soweit die Gattin im Traumbild der Mutter aufgeht, bringt sie Verschuldung und Qual; soweit sie aber von diesem Traumbilde verschieden ist, gehört sie einer fremden, feindlichen Welt an (…) ist nicht Stück von ihm und ein Teil seines innigsten Lebens.“

Für Mia Bernoulli, Hesses erste Ehefrau, endete die Ehe in Ohnmacht, Psychiatrie und Verzweiflung. Seine Söhne werden wechselnden Pflegeeltern ausgesetzt – ungeschützt bis hin zu Kinderarbeit und sexuellem Missbrauch.

Ruth: Juli 1919. Ruth Wenger will ihn kennenlernen, liebt die Verse des berühmten Dichters, hat einige auswendig gelernt.

Ruth Wenger später: „Meine Liebe war groß und wurde immer reicher anbetender. Das Körperliche spielte keine Rolle, ich war zufrieden, wenn er mir in seinem weißen Tropenanzug gegenübersaß.“

Und das Ehepaar Ball sah nüchtern das kommende Fiasko: „H. lässt sich mehr von der Natur als vom Geist bezaubern. Er hat uns neulich – wenn auch verlegen mitgeteilt, dass er heiraten wird. Damit sind eine Reihe von Gesprächsthemen, Unterhaltungen und Meinungsverschiedenheiten geklärt und entschieden, in denen ein unbedeutendes kleines Mädchen über Emmys und meine Warnungen siegte.“

1919 schreibt Hesse das hohe Lob des Eigensinns: Eine Tugend gibt es, die liebe ich sehr, eine einzige. Sie heißt Eigensinn. – Von den vielen Tugenden, von denen wir in Büchern lesen und von Lehrern reden hören, kann ich nicht so viel halten. Und doch konnte man alle die vielen Tugenden, die der Mensch sich erfunden hat, mit einem einzigen Namen umfassen. Tugend ist: Gehorsam. Die Frage ist nur, wem man gehorche. Nämlich auch der Eigensinn ist Gehorsam. Aber alle andern, so sehr beliebten und belobten Tugenden sind Gehorsam gegen Gesetze, welche von Menschen gegeben sind. Einzig der Eigensinn ist es, der nach diesen Gesetzen nicht fragt. Wer eigensinnig ist, gehorcht einem andern Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem „Sinn“ des „Eigenen“.

Ninon: „März 1926. Ninon Dolbin ist entschlossen, ihn zu sehen, schreibt ihm, dass sie niemals aufgehört habe, an ihn zu denken, sich ihm verbunden zu fühlen.“ Dafür quälte sich Ninon Dolbin, aber auch ihren Mann.
Es war eine arrangierte Ehe – „ `Zweisiedlerliebe´ kann man es nennen. Oben der Einsiedler und unten sie, die Einsiedlerin wider Willen.“ (Reetz). Beide einigten sich auf einen schmerzhaften Kompromiss, der nur mit gnadenloser Einhaltung, der von Hesse aus seinen Schaffenserfahrungen destillierten enggeführten Rituale, das Verhältnis von Ferne und Nähe, von Fürsorge und Bevormundung, in ein – und dennoch schwer zu ertragendes – Gleichgewicht brachte.

Der Stil dieser Dokumentation von Bärbel Reetz, der sich durch klug gewählte oft knappe Schnitte zwischen Zeugnis, Bericht und Kommentierung auszeichnet, lässt den Leser das Changement Hesses zwischen Lebenskrisen und „ihre literarischen Metamorphosen“ stimmig und auf sehr lebendige Weise nachvollziehen.

Karl Piberhofer, Berlin