Zur Autorin/Zum Autor:
Hans-Ulrich Möhring, geboren 1953, ist der Übersetzer so verschiedener Autoren wie Tad Williams, James Hamilton-Paterson, Joseph Campbell und William Blake. “Vom Schweigen meines Übersetzers” ist sein erster Roman.

Hier wird die Sprache selbst zum Gegenstand eines Romans, und Möhring lockt uns so listig, fesselnd, witzig, verständlich und unterhaltsam in die wunderbare Welt des Übersetzens, dass es ein reiner Genuss ist.
Wie geht es einem Autor, der erfährt, dass sein Erstlingsroman übersetzt werden soll? Sicher, es ist eine Ehre, aber was passiert mit dem Werk, wenn man es fremden Händen anvertrauen muss? Wird es nicht quasi enteignet? Der junge amerikanische Protagonist versucht, das Dilemma zu lösen, indem er sich vorbehält, die Übersetzung zu prüfen, schließlich spricht er Deutsch und kann die Qualität des fremdsprachlichen Textes beurteilen. Die Fragen, die ihm sein Übersetzer schriftlich stellt, erscheinen ihm kleinkariert typisch deutsche Korinthenkackerei eben. Und die Irritation wächst weiter, als er ihn bei einer Lesung in Berlin schließlich kennen lernt: der unauffällige, schäbig gekleidete Mann äußert sich einfach nicht richtig. Er, der naturgemäß gründlichste Leser, war von dem Buch offensichtlich nicht begeistert. Später, nach reichlich Wein, lässt er sich sogar zu der verblüffenden Aussage hinreißen, er interessiere sich nicht für Literatur, Plot und Figuren seien ihm egal und das einzige, worum es ihm gehe, sei die Sprache.
Damit beginnt eine lange Auseinandersetzung, ein suchender Dialog über Sprache und Übersetzen, über das Eigene und das Fremde und dessen sprachliche Aneignung. Das mag anstrengend klingen, ist aber so spannend und lebendig, dass es mich sofort in seinen Bann gezogen hat. Hier versucht einer nicht, die Leser mit seinem Wissensschatz zu beeindrucken und zu erschlagen, hier will jemand sein Thema erklären und transparent machen. Und so folgt man den Protagonisten gespannt durch Mexiko, Indien und Sibirien, zu Artaud und Humboldt, nach Deutschland und in die USA, amüsiert sich über die treffende Beschreibung akademischer Kongresse und Übersetzerveranstaltungen, folgt gespannt den Liebesgeschichten und Affären und legt das Buch am Ende mit der Gewissheit aus der Hand, etwas begriffen zu haben: von der Sprache, vom Übersetzen und nicht zuletzt vom Schweigen. Irmgard Hölscher, Frankfurt am Main