Zum Buch:
Addie und Louis beginnen eine ungewöhnliche Liaison. Sie möchten der Einsamkeit der Nächte gemeinsam entfliehen. Beide sind verwitwet und leben schon lange in guter Nachbarschaft. Warum also nicht ein wenig näher rücken? Addie, von der die Initiative ausgeht, hat sich das wohl überlegt. Sie möchte die langen, einsamen Nächte, in denen der Schlaf nicht kommen will und das Grübeln zu viel Raum einnimmt, nicht länger alleine verbringen. So macht sie den mutigen Schritt und „überfällt“ ihren sympathischen, nicht wenig überraschten Nachbarn mit ihrem außergewöhnlichen Angebot. Sex soll dabei (erstmal?) keine Rolle spielen. Wird diese Art von Gentlemen Agreement funktionieren?
Anfangs fühlt sich Louis sehr unwohl in seiner Haut und schleicht sich scheu zur Hintertür hinein, wenn es dunkel wird. Aber nach und nach werden seine Besuche bei der Nachbarin zu einem gewohnten Ritual. Ein gemeinsames Abendessen mit Wein oder Bier, der Badbesuch vor dem Zubettgehen, die Unterhaltungen im Dunkeln, das beruhigende Wissen, jemanden neben sich zu haben, gefällt beiden.
Nachbarn und Freunde beäugen Louis‘ abendliches Wandeln zunächst recht kritisch. Aber die beiden sehen über die schlüpfrigen Bemerkungen und Spekulationen ihrer prüden Mitbürger gelassen hinweg. Problematisch wird es, als Jamie, Addies kleiner Enkel, vorübergehend bei ihr einziehen muss. Seine Eltern haben sich getrennt. Die Zweisamkeit von Addie und Louis scheint gestört, doch die beiden schaffen es, Jamie in ihr Leben zu integrieren. Besonders Louis, der früher einmal Lehrer war, zeigt dem verstörten Jungen mit viel Einfühlungsvermögen Wege aus seinen Ängsten und hilft ihm, selbstbewusster zu werden. Ein Hund aus dem Tierheim macht das Miteinanderleben der drei perfekt. Doch ausgerechnet jetzt wird diese Idylle vehement gestört.
Addies Sohn mokiert sich über die „unmoralischen Lebensumstände“, in denen sein Sohn angeblich lebt, und legt seiner Mutter nahe, die „sündige Beziehung“ zu beenden. Wird Addie zugunsten der alten Familienbande auf ihr gerade begonnenes, persönliches Glück verzichten?
Ein sanft geschriebenes Buch, das aber viel Explosionsstoff birgt. Man fiebert bis zum Schluss mit den beiden Protagonisten mit und wünscht Ihnen von Herzen, dass sie sich ihr kleines Stück vom Glück nicht nehmen lassen. Darf man nach einem langen Leben und nach vielen Schicksalsschlägen endlich ein selbstbestimmtes Leben führen? Oder ist man auch dann noch verdammt dazu, sich gesellschaftlichen Moralvorstellungen zu beugen? Das Buch macht sehr nachdenklich.
Brigitte Hort, Eitorf