Zum Buch:
Im November 1924 sitzt ein 13jähriges Mädchen in der offenen Tür des Orientexpress, raucht und lauscht den Melodien in ihrem Kopf. Sie ist mit ihren Eltern und Geschwistern auf dem Weg von Konstantinopel nach Marseille, aber der Zug musste einen Umweg nehmen und steht jetzt im Bahnhof in Zürich. Dort schaut ihr ein Junge zu, der gerade sein Abitur in der Tasche hat und darüber nachdenkt, was er studieren soll: Ingenieur, wie es der Vater will, oder nicht doch Mathematik, die ihn reizt, weil sie keinen unmittelbaren Nutzen hat, keine erkennbaren Anwendungsmöglichkeiten, sondern einfach ein Spiel für den Kopf ist? Am selben Bahnhof steigt ein Mann in einen Zug, der die Urne mit der Asche seines in Griechenland verstorbenen Vaters in dessen Heimatdorf bringen will.
Mit dieser Konstruktion einer flüchtigen, kaum wahrgenommenen Begegnung beginnt Alex Capus seinen Roman, in dem er den Lebensgeschichten seiner drei Protagonisten folgt. Es sind reale Personen: das junge Mädchen ist Laura d’Oriano, die 1943 in Italien als Spionin erschossen wurde, der junge Mann ist der Physiker Felix Bloch, der an der Entwicklung der Atombombe mitarbeitete, und der Mann mit der Urne ist der Maler Emile Gilliéron, der als Zeichner die Ausgrabungen von Schliemann und Evans auf Kreta begleitete. Leise, fast zärtlich führt uns der Autor durch die drei Leben, erzählt von den Träumen der Jugendlichen und den gewundenen Wegen, auf denen sie wurden, was sie geworden sind: von der Sängerin zur Spionin, vom Pazifisten zum Bombenbauer, vom begabten Künstler zum Fälscher. Die Lebensgeschichten sind disparat und berühren sich, abgesehen von der – möglichen – Begegnung in Zürich, an keiner Stelle. Und doch wird bei der Lektüre nach und nach eine Gemeinsamkeit deutlich: alle drei sind, gemessen an ihren Träumen, gescheitert. Aber was ist ein gelungenes Leben und was ein gescheitertes? Welche Träume der Jugend darf man aufgeben und welche nicht? Wie weit und aus welchen Gründen kann man sich von seiner Herkunft, seiner Heimat entfernen, ohne sich zu verlieren? Capus beherrscht die Kunst, diese Fragen durch die großartige Montage der drei Geschichten ganz unaufdringlich aufscheinen zu lassen, ohne je den Zeigefinger zu heben oder gar ein Urteil zu fällen. Ein faszinierender Roman, in den man ganz allmählich hineingezogen wird und der einen dazu bringt, auch das eigene Leben aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten.
Irmgard Hölscher. Frankfurt am Main